Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Verdammter Mist

59 Kommentare

Zitrone

Auf dem Weg vom Duisburger HBF nach Hause traf ich eine äußerst gepflegte Dame. Sie, so schätze ich einfach mal, war knapp über die 65 Jahre. Sie kam mir recht leichtfüßig entgegen und in ihrer linken Hand hielt sie eine Leine, an deren anderen Ende sich ein kleiner, niedlicher Hund tummelte. Sie schaute mich an, sie strahlte über ihr ganzes Gesicht und meinte: „Sie sind ein schöner Mann“. Und ich dachte nur: „Wo sie recht hat, hat sie recht.“

Eine äußerst kultivierte Dame mit einem erlesenen Geschmack. Sie hat Klasse, sie hat Stil. Was ich gleich an ihrer tadellosen Erscheinung erkannte, an ihrem extravaganten Kostüm, so farbenfroh mit all den hervorstechenden Stickereien und erst ihre weiteren virtuos modischen Accessoires ließen mich erkennen, diese Dame hat ein Gespür fürs Schöne. Ich fühlte mich geschmeichelt. Ich glaube, ich bin 10 cm gewachsen.

Sie redete weiter: „Sie sind ein stattlicher junger Mann.“ Junger Mann, ging bei mir runter wie Öl. Ich schoss weiter in die Höhe. Und sie fuhr weiter fort. Fragte nach meinem Alter. „55“, gab ich kleinlaut zu. Ob ich verheiratet sei? „Nein.“, gab ich zum Besten. Ob ich eine Freundin oder Kinder habe? Wieder „Nein.“ Wie lange denn schon nicht? „Viele etliche Jahre“, erwiderte ich leise und kam ganz langsam ins Schwitzen.

Mein Fluchtinstinkt rief mich an und ich marschierte etwas schneller, aber die irritierende Dame ließ nicht von mir ab und folgte auf Schritt. Ich kam langsam ins Japsen. Sie aber bekam die zweite Luft und quälte mich. „Sie sind doch ein so schöner, junger Mann.“ und nun drängten sich Zweifel auf, bei mir. Bei ihr aber nicht, denn sie war nun davon überzeugt: „Sie müssen sich doch fortpflanzen. Kinder machen.“ „Ach ja…“, dachte ich und bevor ich zu Ende denken konnte veranschaulichte sie noch meinen Gedanken. „Sie müssen Ihren Saft verteilen.“ Ich habe im Allgemeinen nichts gegen das Wort „Saft“ in diesem freizügigen, natürlichen Zusammenhang, aber aus ihrem Mund klang es nicht nach „Dirty Talk“ sondern eher nach Saftpresse. „Sie müssen Ihren Saft verteilen, wie ein Baum seinen Samen versprüht. In alle Winde.“ Und plötzlich taten sich ganz merkwürdige Bilder vor meinem inneren Auge auf. Ich sah mich nackt in der Duisburger Fußgänger-Zone und meinen …

Erschrak mich über mich. Brauchte ne Zeit, um die „vom Winde verweht“ Bilder wieder los zu werden.

Ein Mann ohne Kinder ist wie ein verdorrter Ast. Sie haben doch gesunde Gene. Viele hübsche Frauen warten auf Sie. Gott will das so!“ „Gottes Wort in aller Frauen Ohr.“, schoss es in mich durch. „Die Damenwelt hat da eine andere Auffassung.“, wollte ich gerade erwidern, meine trockenen Lippen formten sich schon, doch fuhr die nervige Dame mit ihrem zotteligen Hund dazwischen und meinte fragen zu müssen: „Schwul?“ Ich: „Nein.“ und dachte, noch ein Wort von dir und ich komme schwer ins Grübeln, überlege es mir noch und wechsele doch noch „ans rettende, andere Ufer“. Dann ist Schluss mit lustig und der dämlichen Fragerei. Aber die Nervensäge, in ihrem schrecklich, furchtbar bunten Kostümchen, hätte bestimmt auf jede Antwort eine blöde Frage.

Mein mittlerweile strammer Gang führte mich an einem Nettoladen vorbei. Da kam die Überlegung: „Laden. Frau mit Sprung in der Schüssel und furchtbar hässlicher Töle. Bedeutet: Wir müssen draußen bleiben. Mein Zufluchtsort. Der neue Netto-Werbe-Slogan.“ Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, befand ich mich schon in der Süßwaren-Abteilung und schaute aus´m Schaufenster. Da stand die schwafelnde Bekloppte mit dem grauenvollen Köter und wartete auf mich. Sie wartete. Ich wartete und lernte Preise auswendig. Tafel Schokolade ohne alles: 49 Cent. Und dann hatte Gott erbarmen mit mir und schickte ihr ein anders Opfer. Diesmal ein richtig gutaussehenden, jungen Knaben. Vermutlich quetschte sie verbal bis zum nächsten Aldi-Laden seinen Saft aus.

Ich schrumpelte wieder auf meine Normalgröße und glaubte nicht mehr an: „Schöner Mann.“ Verdammter Mist.

Peter Rejek

Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

59 Kommentare zu “Verdammter Mist

  1. Also den schönen Mann solltest du behalten und dir nicht verleiden lassen von so einer weiblichen Variante mit einem offensichtlichen Sprung in der Schüssel. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, also auch eine mit Sprung erkennt mal etwas Wahres.

    Während des Lesens – gebannt von deinem einzigartigen Stil etwas zu erzählen – dachte ich in Bezug auf die Hundefrau: Weniger ist manchmal mehr. Hätte sie es beim Anfang belassen – das hätte sie vielleicht ohne Sprung – dann wäre es eine wunderbare Begegnung geblieben, die dir durch ihren Mut im Vorbeigehen etwas Wertvolles zu geben vermocht hätte, das hätte bleiben können. Schade drum.

    Aber wo sie recht hat, hat sie einfach recht. Und die 10 cm verträgst du sicher noch 🙂

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    • Hallo Marion,
      danke dir. 🙂 Ohja, hätte die Dame es mal dabei belasse, aber so wurde es zu einer klasse Geschichte. Und darüber freue ich mich.
      Und danke dir für „schöner“ 🙂 Lässt mich wachsen. Bin zwar schon über 1.80 aber der ein oder andere Zentimeter kann nicht schaden. Spaß beiseite. Freue mich sehr über dein Kompliment. und es freut mich, dass dir meine Art des Erzählens gefällt.
      Dank.
      Liebe Grüße, Peter

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    • Hallo Peter,
      deine Art des Erzählens gefällt mir sehr. Und der schöne ist verdient. Und den einen oder anderen cm wirst du trotz der 1.80 noch vertragen 😉
      Freut mich, dass du dich über positive Kommentare immer so freust 🙂
      Ich wünsche dir von Herzen, dass es beim nächsten Mal eine ohne Sprung ist 😉
      Ganz liebe Grüße
      Marion

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      • Hallo Marion,
        danke dir fürs „schöne“, gefällt mir. Nun, habe mal gelesen, im Alter wird man etwas kleiner, kann also für die Zukunft jeden Zentimeter gebrauchen. 🙂
        Und ich wünsche dir, dass es mit „deiner“ kleinen Firma irgendwie weitergeht.
        Und danke für all deine liebevollen Wünsche. Freu mich.
        Liebe Grüße, Peter

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  2. Was du so alles erlebst … Merke: es erwischt immer die Richtigen! Die, die was draus machen!

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    • Hallo Eva,
      🙂 ich gebe mir die größte Mühe. Fall vielleicht durch meine roten Haare eher auf. Vielen lieben Dank für deine lobenden Worte. Freue mich sehr darüber.
      Liebe Grüße, Peter

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  3. Aber zu Beginn ging es doch runter wie Öl, was?

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  4. Sehr kurzweilige Erzählung. Sie hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

    Liebe Grüße
    Balle

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  5. Danke für das Kopfkino, wunderbar erzählt. Liebe Grüße, Alice

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  6. Ich war Freitag auch am Duisburger Hauptbahnhof. Da habe ich sie leider nicht getroffen. Ich hätte dich sonst unterstützt und gesagt, dass ich auf dich gewartet hab 😂💪🏼

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  7. Herrlich, wie aus der gepflegten, äußerst kultivierten Dame mit erlesenem Geschmack und niedlichem Hund die Bekloppte mit dem grauenvollen Köter wird. Auf ein paar Metern ändert sich so ziemlich alles. Nicht nur bei ihr, auch in deinen Reaktionen. Klasse!
    Ich freue mich, dass du dieser doch recht anhänglichen Dame mit den wohlmeinenden Empfehlungen durch eine neue, selbst entdeckte, Liebe (zu Netto) entkommen bist. 🙂

    Peter, das Lesen deiner Erzählung hat mir wieder unheimlich Spaß gemacht! Ich lache jetzt im Nachhinein noch. Über Inhalt und Stil. Der ist das absolute Sahnehäubchen.
    Freue mich schon jetzt aufs Wiederlesen.

    Lieber Gruß
    Michèle

    PS Ein schönes Foto von dir!

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    • Hallo Michèle,
      du beeindruckst mich immer wieder. Immer wieder findest du die Worte, die mich wachsen lassen. Nun. Danke dir sehr. Und ich freue mich, dass ich dich zum Lachen bringen konnte. Es soll ja auch hier Spaß machen. Lesen, Bilder gucken. Und, wenn, wie immer wieder dir, auffällt dass der ein oder andere kleine Gimmick, wie der Wandel der Dame , darin zu finden ist. Freue ich mich wie ein Schneekönig.

      Und ob, das Bild ist hübsch – nur der Bursche … 🙂
      Danke dir sehr und ich freue mich jedes Mal aufs Neue von dir zu hören.
      Liebe Grüße, Peter

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  8. Herrlich, Peter.
    Das Foto aber bestätigt doch,
    was die Tölentante sagte.
    👍😉

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  9. „Sie sehen sehr gut aus!“, sagte mir mal eine fremde Frau auf einer Straße in Bonn, viel jünger als 65 und ohne Hund. Allerdings ist das jetzt 35 Jahre her, und da meine damalige Freundin in der Nähe Schaufenster guckte, konnte ich die Dame schlecht zu einem Kaffee einladen. Aber ich träume heute noch davon (inzwischen sehe ich leider ganz anders aus). Ob das dieselbe Frau war? Dann habe ich Glück gehabt, aber die Vorstellung ist irgendwie desillusionierend. Ach was! – das war bestimmt eine andere … oder? In Deinem Fall: Ein Hoch auf die (hundefeindlichen) Hygienevorschriften von Supermärkten!

    Gefällt 3 Personen

    • Hallo Videbitis,
      nein, nein. Das war sie nicht. Glaube nicht, dass diese Dame jemals Duisburg verlassen durfte. 🙂
      Deine Geschichte ist schön, so etwas ist mir nie passiert, also nicht wie in deinem Fall ernst gemeint. Wunderbar.
      Und ein Hoch auf Supermärkte – Lebensretter. 🙂
      Liebe Grüße, Peter

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  10. Was für eine fröhliche Begegung, aber leider fand die Dame kein Ende. Das gibt dann zu denken. Abwechslung im tristen Alltag oder nervig. Lg , schreibteufelblog

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    • Hallo Petra,
      🙂
      Die Dame sorgte auf ihre unverwechselbare Art für ein hübsche kleine Geschichte. Darüber freue ich mich. Für mich eine Abwechselung … im nach hinein. 🙂
      Danke dir, freue mich sehr von dir zu hören.
      Liebe Grüße, Peter

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  11. Oh haua-haua-ha. Wat ’ne Geschichte. Sehr schön.

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  12. Eine Meisterstory!
    Ja, ich kenne das, bei mir marschieren immer ganze Gruppen hinter mir her…

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  13. 😀 Eine tolle Geschichte! 😀 Danke

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  14. Hahahaha:-))…wie schön zu lesen, dass nicht ALLE „Durchgeknallten“ in Berlin leben:-))) Lieben Gruß Corinna

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  15. Klasse Story! Was doch für schräge Vögel in der Welt herum laufen …

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  16. Mal wieder spannend … wie schnell sich doch die Sichtweise auf andere und sich selbst ändern kann Das nächste Mal ist es dann bestimmt das große Los für dich 🙂

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    • Hallo steinegarten,
      danke dir. Und ob, ist schon verrückt wie sich eine Situation schlagartig verändert.
      Ich hatte immer Glück, ich hatte mit meinen Freundinnen immer das große Los gezogen. Und die nächste Dame wird es wieder.
      Freue mich von dir zu hören.
      Liebe Grüße, Peter

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  17. Hallo Peter,
    eine wunderbare Geschichte, ich habe wieder herzlich gelacht! 😀

    Liebe Grüße! Ingrid

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  18. Gar keine Geschichte diese Woche? Oder habe ich da etwas verpasst? Schön übrigens, mal das Gesicht des Erzählers zu sehen :o), es muss ja ganz schön kalt gewesen sein, denn du siehst nicht so aus, als würdest du vor Wut schnauben, verschmitzt, wie du da lächelst … :o) Lieben Gruß aus Wien, Silvia

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    • Hallo Silvia,
      nein, du hast nichts verpasst 🙂 und sorry, wenn ich jetzt erst antworte. Zurzeit arbeite ich in Essen und Köln. Irgendwie verfliegt die Zeit.
      Das Foto hat eine Fotografien vor ein paar Wochen in Köln aufgenommen. Sie meinte, ich sollte mich ganz natürlich geben und eine rauchen. Das kam dabei raus 🙂 Naja – Natürlich?
      Dampfte also nicht vor Wut und kalt war es auch nicht. Aber es freut mich, dass dir das Bild gefällt. Wollte mal nicht unsichtbar sein.
      Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass du nachfragst. Fühle mich geehrt. Danke dafür.
      Liebe Grüße, Peter

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  19. Dein Beitrag treibt mir mal wieder ein breites Grinsen ins Gesicht. . Toll geschrieben und berichtet👍👍👍
    Gruß Werner

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  20. 🤣 Sehr geil, ich hab auch immer so ein Glück, haha. Ich weiß nicht ob ich so bedürftig ausehe, selbst früher mit bunten Haare und zerrupften Klamotten haben mich die Leute zugelabert. Dabei krieg ich von vielen Menschen gesagt ich würde immer böse gucken.
    Manchmal ist das ja echt witzig und ich hab auch oft mal tollen Omi-Talk gehabt. Aber eigentlich will ich doch auch nur meine Ruhe. Und ich versteh nicht mal was. 😀 Wenn ich denen sage „Tut mir leid, ich kann sie nicht verstehen, ich bin hochgradig schwerhörig“, erzählen die einfach weiter 😳
    Deine Beschreibung war mal wieder astrein. 🙂

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