Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

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Sehenswertes Hattingen und reichlich Drumherum

34 Kommentare

Hattingen Altstadt_Gasse_1

Diesmal wird es wieder ellenlang. Klar, reichlich Geschichte. Ein bisschen Mord, viel Bürgerbegehren, Kohle, Stahl, Sagen und Märchen. Die Gegend um und auch Hattingen selber, das kleine Ruhrpott Städtchen bei Bochum am südlichen Rand des Reviers, hat halt die komplette, komplexe, kombattante Ruhrgebietsgeschichte. Mit allem Drum und Dran. Naja gut, und es ist bei weitem hübscher wie der Rest des Potts. Bei weitem. Klar, liegt ja auch an dem Flüsschen Ruhr.

Hattingen_Ruhr

Natürlich hat das Ruhrgebiet eine Geschichte vor Kohle und Stahl. Der Dortmunder Raum war vor Hunderten von Jahren berühmt für seine Pferdezucht. Duisburg war mal Königssitz. Bochum führten 1388 einen Kleinkrieg gegen Dortmund. Nach der blöden Ballerei bissen eine Kuh und zwei Schweine unverhofft ins Gras. Und am Ende setzten sich die sogenannten „Bochumer Junggesellen“ durch. Ok, historisch jetzt nicht ganz astrein.

Haus Kemnade_1

Es gab also Bauern, Edelmänner, Ritter, Fürsten, Zwerge und Nixen, die in der Ruhr lebten. Da wir schon gerade bei dem Flüsschen Ruhr sind, fangen wir einfachheitshalber mit dem Wasserschloss Kemnade in Hattingen-Blankenstein an. Eine solide, zweiteilige Anlage, bestehend aus einem Herrenhaus und einem vorgelagerten Gutshof aus dem hiesigen Ruhrsandstein. Das Ganze im Stil der Renaissance und des Barocks. Also aus dem 17. Jahrhundert. Der Ursprung und sein Name geht bis 1001 n. Chr. zurück. König Otto III „schenkte“ Graf Liudger damals den Hof Stiepel, der wohl von allen Gehöften im Umland als einziges einen gemauerten Kamin besaß. Und da Kamin vor grauer Vorzeit so was wie „Kemenate“ hieß, hatte man schwuppdiwupp einen passenden Namen: Haus Kemnade. Und wie es nun mal bei alten Gemäuern so ist, wechselten stetig seine Besitzer, Tod, Heirat, Verkauf. Und so tauchen Namen auf wie: Bischof Gerhard II von Bremen, Dietrich von Romberg zu Massen, Ludwig von Berswordt-Wallrabe. Lang ist´s her. Seit 1921 gehört das Haus der Stadt Bochum, die wollte 1998 dem Wurstfabrikanten Zimmermann, also dem Unternehmen Zimbo, die einen prächtigen Firmensitz suchten, das Schloss verkaufen. Da haben sich aber alle Beteiligten ordentlich ins eigene Fleisch geschnitten. Die Bochumer und Hattinger gingen auf die Barrikade, sammelten 30.000 Unterschriften und das Thema war gegessen. Heute befindet sich neben Gastronomie, Museum mit Traumjob auch das Hattinger Standesamt in dem Wasserschloss. Ein schönes Ambiente für den Tag der Tage. Der Rittersaal und die Holzschnitzereien des Schwelmer Handwerksmeisters, mit dem einfach auszusprechenden Namen, Schmidt, aus dem Jahr 1725, haben schon was. Mögen die dort geschlossenen Ehen fürwahr so lange Zeit überleben.

Haus Kemnade_Innen_Treppe

Haus Kemnade_Innen_1

Haus Kemnade_Museum

Haus Kemnade_Innenhof_1

Haus Kemnade_Innenhof_Wirt

Burg Blankenstein_2

Aber was wäre ein Schloss ohne eine richtige Burg mit einer ordentlichen Mords-Geschichte. Unweit des hochherrschaftlichen Gemäuers befindet sich Burg Blankenstein. 70 Meter über die Ruhr thront die alte Festung, die irgendwann im 13. Jahrhundert Graf Adolf I von der Mark errichten ließ. Ohne Mord und Totschlag im Vorfeld geht´s natürlich nicht. Gott sein Dank, sonst hätte man ja nix zu erzählen. So um 1220 gehörte das ganze Gebiet Friedrich von Isenberg, der aber ließ aus politischen Gründen den Kölner Erzbischof Engelbert von Berg am 7. November 1225 ermorden. Er floh und hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In einer Lütticher Kneipe wurde er 1226 erkannt. Nach Köln gebracht, enteignet und an einem der Kölner Stadttore, dem Severiner Tor, auf´s Rad geschlagen und gevierteilt. Sogar Walter von der Vogelweide ließ es sich nehmen ein paar Verse über Friedrich zu schreiben. Oh Gott, hat man mich in der Schule mit dem Minnesänger Vogelweide gequält. Bis vor kurzem lief ich noch täglich an dem Stadt-Tor vorbei. Habe aber nichts mehr gesehen oder gehört.

Burg Blankenstein_3

Burg Blankenstein_Innenhof

Das Gebiet fiel dem Grafen von der Mark zu, der sogleich die Burg Blankenstein bauen ließ. Die mich allerdings mehr vom Namen nach an Kinderbücher erinnert und, klar, was sonst, an liebliche, holde Burgfräuleins die ihr wallendes, blondes Haar herunterlassen, damit nur ein Adelsmanne sie retten darf. So kraxelte ich natürlich, auf der Suche nach meiner, nur-auf-mich-wartenden Maid, den dunklen, engen Turm rauf. Ganz wichtig, aufschreiben, Taschenlampe nicht vergessen. Nun, oben stand keine verzweifelte Dame, nicht einmal der Raubritter Joost, der von hier die Gegend 1637 unsicher machte, nur ich, aber mit einem wahnsinnig schönen Ausblick auf das Ruhrtal.

Burg Blankenstein_Treppe

Hattingen_Ruhrtal

Nicht nur auf das Ruhrtal, auch auf das Muttental. Die Wiege des Ruhrgebiet-Bergbaus. Ich gebe´s zu, etwas sehr weiträumig gefasst. Das Muttental befindet sich im Nachbarstädtchen Witten, aber halt nur einen Steinkohlewurf von Hattingen entfernt. Hier wurde bereits vor dem 14. Jahrhundert nach dem schwarzen Gold erfolgreich gebuddelt. So besagt es auf jeden Fall die Erzählung der älteren Damen mit Höckernase, Warzen und Besen, dass Zwerge dort schon gruben. So soll ihr Erdmännchenkönig Goldemar, der beliebt und geliebt wurde von den Rittersleut, und des Öftteren in den Betten der Edelmänner erwachte, seinen Küchenjungen, den er hasste wie die Pest, gebraten und gekocht seinen Gästen vorgesetzt haben. Da fällt mir gerade ein: Ich kenne da ein tolles Restaurant.

Im Muttental, Mutte: niederdeutsch steht für Hausschwein, gab es über 60 Bergwerke. Noch heute sind einige zu bestaunen, wie das Bergwerk Therèsia oder Nachtigall, welches bereits 1645 erste Erwähnung fand. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie immer weiter ausgebaut und auf den neusten technischen Stand gebracht. 1844 war sie die größte Zeche im Ruhrgebiet. 500 Bergleute fuhren damals in ein Tiefe von 450 Metern ein. Allerdings war für Zeche Nachtigall 1892 Schluss. Keine Kohle. Überall stehen heute im Muttental Nachbauten von den einstigen Zechenanlagen der Pioniere herum.Zeche Nachtigall

Zeche Nachtigall_nachbauten

Henrichshütte_Hattingen_5

Und wo Kohle ist, sind Eisenhüttenwerke nicht weit. Na, das nenne ich mal eine Überleitung. Der Hüttenmeister Carl Roth und sein Chef, der Graf Henrich zu Stollberg-Wernigerode, waren die Gründungsväter der Hütte in Hattingen. 1854 wurde geplant und 1855 der erste Hochofen angeblasen. Doch Henrich erlebte dies nicht mehr und Carl nannte die Hütte ihm zu Ehren Henrichshütte. Sie war damals die leistungsstärkste Hütte im Pott und verarbeitete bereits täglich 25 Tonnen Roheisen. Später fanden mehr als 10.000 Metaller „auf ihr Arbeit“. Am 19. Februar 1987 kam der Beschluss des damaligen Eigners Thyssen zur Stilllegung, der sogenannte „schwarze Donnerstag“. Am 18 März strömten über 30.000 Menschen auf den Hattinger Rathausplatz um gegen das Aus zu demonstrieren. Das Zentrum des Widerstandes. Über 12 Monate wurden dort demonstriert, Mahnwachen aufgestellt. Ein Autokorso nach Bonn gestartet. Fünftägiger Hungerstreik der Stahlarbeiter-Frauen. 5.000 Stahlarbeiter bildeten eine Menschenkette rund um das Werk. Half aber nicht. Die Sache war mit der Zustimmung des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel und dem Aufsichtsrat beschlossen. Am 18. Dezember folgte der letzte Abstich des Hochofens.

Henrichshütte_Hattingen_Menschenkette

Henrichshütte_Hattingen_2

Henrichshütte_Hattingen

Henrichshütte_Hattingen_Röhren_2

Heute ist die Henrichshütte, im Gegensatz zum Landschaftspark Duisburg Nord, ein Industrie-Museum und somit nicht frei zugänglich. Vier Euro Eintritt. Die ich mir lieber für einen Kaffee in der sagenhaften, sehenswerten, süßen Hattinger Altstadt aufgespart habe.

Hattingen Altstadt_Gasse_5

Bis heute hat Hattingen mit den Folgen der Schließung zu kämpfen. Hat es aber besser verkraftet wie der Rest vom Ruhrpott, was man der wunderhübschen, kleinen, mittelalterlichen Altstadt ansieht. Ein Tipp für alle Revierneugierige. Besonders der kleine Weihnachtsmarkt lohnt sich schon. Ich meine… also… Für kommende Tage.

Hattingen Altstadt_Häuser_1

Hattingen Altstadt_Leute_Gitarre

Mitte der 60er Jahre hatten einige den unwiderstehlichen Drang das Kleinod zu zubetonieren, doch die Hattinger und ihr damaliger Stadtdirektor Hans-Jürgen Augstein, einem Bruder des ehemaligen Spiegel-Herausgebers, wehrten sich erfolgreich gegen Stadtrat und Abrissbirne. Heute stehen in der Altstadt noch 150 mittelalterliche Fachwerkhäuser. Zwischen den kleinen Gärten, Gässchen, Geschäften soll der berühmte Nibelungenzug nach der Ermordung von Siegfried dem Drachentöter gezogen sein. Ok, so ungefähr 460 n. Chr. haut jetzt zeitlich mit den Häusern nicht so ganz hin, aber lasst uns einfach träumen.

Hattingen Altstadt_Garten

Hattingen Altstadt_Leute_1

Hattingen Altstadt_Gasse_Geschäft

Hattingen Altstadt_Kneipe_2

Hattingen Altstadt_Gasse_2

Hattingen Altstadt_Wand

Hattingen Altstadt_Pinkeln

Hattingen Altstadt_2

Hattingen Altstadt_Garten_2

Hattingen Altstadt_Tür

Hattingen Altstadt_Gasse_6

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

34 Kommentare zu “Sehenswertes Hattingen und reichlich Drumherum

  1. Ganz toller Bericht! Macht Lust auf eine Tour. 😊

    Gefällt 8 Personen

  2. Ach wie schön!! da werden Erinnerungen wach:-) meine Jugendliebe kommt aus Hattingen:-)) war datt ne schöne Zeit:-)) danke :-)) Liebe Grüße Corinna

    Gefällt 3 Personen

  3. Was ich wieder alles gelernt habe! Und toll geschrieben. Dankeschön. Winkende Grüße in den Pott.

    Gefällt 2 Personen

  4. darf ich diesen Beitrag auf „Ruhrköpfe“ rebloggen?

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Annette,
      vielen Dank. Und ich freue mich sehr, dass dir mein Beitrag gefällt und ich würde lügen, wenn ich jetzt nicht gerade sagen würde, 20 Zentimeter vor Freude am Küchentisch gewachsen zu sein. Klar, darfst du. Danke! Du musst aber jetzt nicht mit aller Gewalt sämtliche Datenschutzbestimmungen einhalten. Hiermit befreie ich dich davon. Also Namensgebung, Verlinkungen und so weiter und so weiter…
      Mach wie du es möchtest.
      Liebe Grüße, Peter

      Gefällt 4 Personen

  5. Lieber Peter, klasse, freut mich, dass es dich freut 😀👍und danke für dein Einverständnis. Auf viele neue Besucher und bis bald liebe Grüße, Annette

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Sehenswertes Hattingen und reichlich Drumherum — Gedankenwirrwarr & Ruhrpott | Ruhrköpfe

  7. Ein ganz prima Bericht! Danke.

    Gefällt 2 Personen

  8. So eine wunderschöne Altstadt, und die wollte man abreissen? Gut, dass das nichts geworden ist!

    In den 60gern war Abreissen und Betonbauten aufstellen irgendwie gross in Mode in Deutschland.

    Gefällt 2 Personen

  9. Eine Thüringerin freut sich über diesen informativen Bericht und die tollen Fotos vom fernen Ruhrpott!
    Dank Annette konnte ich hier lesen.

    Herzliche Grüße! Ingrid

    Gefällt 2 Personen

  10. Ich schicke liebe Grüße in den Ruhrpott, besonders in meine Geburtsstadt Recklinghausen.
    LG Anna-Lena im Berliner Umland

    Gefällt 2 Personen

  11. Begeistert habe ich deinen Beitrag über Hattingen gelesen und die Fotos sind super. Die Altstadt sieht wunderschön aus
    LG Andrea

    Gefällt 2 Personen

  12. Schöner Bericht über Hattingen, ich war schon lange nicht mehr da. Es ist unbedingt einen Ausflug wert.
    Sollte ich bald nachholen. Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

  13. Toller ausführlicher schön Bebilderter Bericht.
    Danke fürs Mitnehmen
    Sonnenscheingrüße

    Gefällt 1 Person

  14. Da ich ja schon oft da im „Pott“ war (Verwandtschaft in Essen, Bochum, Hagen, Wuppertal und so und früher Freundschaft in Duisburg), waren wir auch einmal in Hattingen.
    Das, was mir noch deutlich in Erinnerung ist, hast du nicht fotografiert: Eine große Bierreklame für „Hövelsbier“ – leider bin ich nur Namensvetterin, nicht Brauereibesitzerin oder -besitzergattin.
    Und tschüss!

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Clara,
      mir ist die Bier Reklame leider nicht untergekommen. Jetzt habe ich ein Grund mehr wieder nach Hattingen zu fahren. Bin leider Köpi-Trinker, oller Duisburger, vermutlich ist mir deshalb Hövel nicht aufgefallen 🙂
      Danke dir.
      Herzliche Grüße, Peter

      Gefällt mir

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