Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Landschaftspark Duisburg Nord und warum konnte er nicht eine Sekunde warten…

34 Kommentare

Landschaftspark-Duisburg-Ofen-3-Peter-Rejek

Jetzt gibt`s wieder etwas Geschichte, ein Hauch Technik, ein wenig Natur und ein bissle Liebe.

Der Landschaftspark Nord in Duisburg-Meiderich gilt als das meist fotografierte Objekt im Pott und wenn man dort seine Runden dreht, dann weiß man auch warum. Rost, Stahl, Technik, die einem sonst im verborgenem bleibt und überall grüne Natur pur. Ein schönes Fleckchen Erde. Klingt wirr? Nö, nicht für jemanden der damit groß geworden ist.

Ich stamme aus Duisburg-Meiderich. Der Stadtteil ist aber eher durch das M in MSV Duisburg, dem alles überragendem Fußballverein, berühmt geworden, obwohl ich schon… Ok, lassen wir das. Meiderich gilt auch als das Land des Lächelns. So sagen es die anderen Duisburger neidvoll. Sie behauptet doch glatt, dass der typische Meidericher seit Generationen sein kleines, beschauliches Örtchen nicht verlassen hat. Es kam halt zu starken „Verbrüderungen“ untereinander. Eine besondere Art von Geschwisterliebe. Nach Jahrhunderten des Inzest lächeln halt die Balgen immerzu. Über so ein Quatsch kann ich doch nur Müde lächeln. Mein Vater kommt aus Meiderich, meine Oma und Opa aus Meiderich, meine Urgroßeltern kommen… Jetzt rede ich mich gerade um Kopf und Kragen.

Landschaftspark-Duisburg-Windrad-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-11-Peter-Rejek

Der Vater von meinem Vadda, also mein Oppa, malochte auf dem ehemaligen Hüttenwerk. Ein Hüttenwerk, oder von uns Pottlern auch „auf Hütte“, erzeugt Roheisen oder Stahl aus Eisenerz. Dies ist ein Gemenge, oder anders formuliert ein Möller, was nun auch nicht weiterhilft, also doch hochdeutsch: Gemisch, aus natürlich vorkommenden chemischen Verbinden aus Eisen. Aus diesem gewinnt man unter Zugabe von Sand und Quarz Roheisen und erst in einem nachfolgenden Schritt Stahl. Ich vereinfache das Ganze mal und sag´s so: das Erz wird zerkleinert und mit etwas Hitze auf Temperatur gebracht und somit verflüssigt. Dieses ganze Spektakel findet unter viel Dampf und Heißwind in einem Hochofen, in dessen heißester Zone Temperaturen von 2.000 Grad Celsius herrschen, statt. Nur so als Einschub: Das Roheisen wird in einem sogenannten Konverter unter Zugabe, jetzt würden mich am liebsten die Hardcore Stahler Teeren und Federn, da es doch stark vereinfacht erklärt ist, von Metallen wie Nickel, Chrom zu Stahl verarbeitet. Heutzutage finden immer mehr Lichtbogenöfen in Stahlwerken ihren Einsatz. Aber das nur so. Muss man sich nicht merken. Ist nicht Klausurrelevant. Aber hier gibt’s glühende LBO Bilder.

Landschaftspark-Duisburg-4-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-8-Peter-Rejek

Die „Rheinischen Stahlwerke zu Meiderich bei Ruhrort“ gründeten 1901 das Hüttenwerk, die im Laufe der Zeit fünf Hochöfen in Betrieb nahmen und insgesamt in all den Jahren um die 37 Millionen Tonnen Roheisen herstellten. In der Hütte wurden die unterschiedlichsten Roheisensorten produziert, sodass sie bald den Spitznamen bekam „Apotheke des Ruhrgebiets“. Von 1968-70 wurden die Öfen 3 und 4 abgerissen. 1982 folgte die Stilllegung von 1 und 2. Und Nummer 5 fand am 04. April 1985 seinen letzten Abstich.

Landschaftspark-Duisburg-Schacht-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-Kessel-2-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-Kessel-Gang-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-oben-Duisburg-Treppe-Rejek

Er blieb, so behauptet man „besenrein und wiederanblasfähig“ zurück. Heute kann man über einen Haufen Stufen und engen Gängen auf die ca. 70 Meter hohe Aussichtsplattform krackseln und den unglaublichen, unvergleichlichen, unbeschreiblichen Ausblick auf das platte, grüne Duisburg bestaunen.

Landschaftspark-Duisburg-oben-Duisburg-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-oben-ThyssenKrupp-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-oben-Duisburg-2-Rejek

Und man wird’s kaum Glauben, aber das ganze Gelände sollte erst abgerissen werden. Dank der Hartnäckigkeit einer Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt der Überreste der Hütte stark machte, begannen die Planungen für diese unvergleichliche Parkanlage unter der Leitung der Landschaftsarchitekten Professor Peter Latz & Partner. Der Grundgedanke von Peter Latz war es den „genius loci“, den Geist des Ortes, beizubehalten und mit der wiederkehrenden Natur, die die Anlage Stück für Stück zurückerobert, einen Kontrast zu schaffen. So verändert sich die Landschaft Jahr für Jahr. Es gibt aber auch künstlich angelegte Grünanlagen wie zum Beispiel in den alten Möllerbunkern.

Landschaftspark-Duisburg-Erzbunker-2-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-10-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-Röhren-Rejek

Nacht_Duisburg_Landschaftspark_Arnoldius

Dezember 1996 setzte man noch einen oben drauf und die Anlage strahlt abends in bunten Farben. Dank der Lichtinstallation des britischen Künstlers Jonathan Park. So hat die britische Zeitung „The Guardian“ 2015 den Landschaftspark zu den zehn schönsten Großstadtoasen weltweit gewählt. Unter anderem auch durch die Menge an Freizeitmöglichkeiten, wie Tauchen, Klettern, Abhängen. Oder Veranstaltungen wie Photo + Adventure, die Ruhrpott „Fotomesse“, ein Muss für jeden Fotografen. Hier ein paar Impressionen. Bin aber leider keiner.

Landschaftspark-Duisburg-Klettern-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-Entspannen-Peter-Rejek

Landschaftspark-Duisburg-Liebesschloss-Peter-Rejek

Wie gerade erwähnt arbeitete mein Oppa auf Hütte. Er steuerte die riesigen Kräne in den damaligen großen Hallen. Er, bzw. die ganze Familie, wohnte nur einen Steinwurf von dem Werk entfernt in diesem kleinen Häuschen, seinem Geburtshaus. Obwohl es so nicht stimmt. Mit dem Geburtshaus schon, aber nicht mit dem Haus, also nicht mit diesem Haus, ein anderes aber an Ort und Stelle.

Haus9

Ach… Das erzähle ich später. Omma, Oppa, Vadda und seine ältere Schwester lebten nur so ca. 200 Meter von dem Stahlwerk entfernt. Dann kam der Krieg und Opa nach Russland. Später, so Mitte 1944 ein paar Flieger. Alle Mann mit Karacho auf die Hütte, nur einer nicht, der kam zu früh. Kennt man ja. So plumpste eine Bombe auf das Haus. Die Einzige, die während des Kriegs auf diese Straße fiel, und dann ausgerechnet auf unser Haus. Hätte der Bursche nicht eine Sekunde warten können. Da sie nun Obdachlos waren verfrachtete man sie kurzerhand nach Melle, ein kleines beschauliches Städtchen in der Nähe von Osnabrück. Dort ging Vadda weiter zur Schule. Machte später eine Ausbildung zum KFZ Schlosser. War damit unglücklich, da man mit verdreckten Fingernägeln so schlecht eine Tanzpartnerin in den angesagten Tanzlokalen der Weltmetropole Melle fand. Darum wurde er Polizist. Ohne Quatsch. Lernte 1955 in einem dieser verqualmten Schuppen ein wunderbares, bezauberndes Mädchen kennen. Mit Charme, Witz, Tanzkünsten und sauberen Fingernägeln kriegte er sie irgendwie von sich überzeugt, was mir bis heute ein Rätsel bleibt. Verliebten sich, heirateten, bekamen ein wundervolles, intelligentes, hübsches, süßes Kind, meine Schwester, und dann später halt mich. Noch heute, über 60 Jahre später, sagt er gerne vor der versammelten Mannschaft am Mittagstisch: „Hätte der Bursche im Flieger nicht eine Sekunde warten können, dann wäre mir das alles hier erspart geblieben.“ Und grinst.

Landschaftspark-Duisburg-Ofen-Peter-Rejek

https://www.landschaftspark.de

Die Nachtaufnahme habe ich von Arnoldius. Vielen Dank!

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Duisburg_Landschaftspark_blast_furnace_2_at_night.jpg

 

 

Advertisements

Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

34 Kommentare zu “Landschaftspark Duisburg Nord und warum konnte er nicht eine Sekunde warten…

  1. Sehr schön geschrieben. Ich bin in Neumühl aufgewachsen und zwar an der Grenze zu Hamborn, also mit genau den gleichen Erinnerungen. 😉 Vielen Dank dafür.
    Beste Grüße, Martin

    Gefällt 1 Person

  2. Wenn der Bau der Zeit überlassen ist und so vor sich hin rostet… nun… wenn da mal was durchgerostet ist, was dann?

    Gefällt 1 Person

    • Ay! Der Hochofen 5 steht unter Denkmalschutz und wird gepflegt. Einige umliegende Bauten sind der Zeit überlassen, diese sind aber großräumig abgesperrt. Sowie einige Teile des Areals, die der Natur überlassen wird, damit sich die Tierwelt ungestört ansiedeln kann. So gibt es dort bereits um die 70 verschiedene Vogelarten.
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  3. Fantastisch und ergreifend geschildert und ebenso bebildert. Ich muss mir das unbedingt mal ansehen.
    Freundlich winkende Grüße in den Pott.

    Gefällt 1 Person

  4. Dieses Areal habe ich schon drei Mal besucht … immer wieder interessant

    Gefällt 1 Person

  5. 😀 Haha, tolle Story! Sieht man das nicht von der Autobahn aus, wenn man aus dem Sauerland Richtung Holland fährt? Mein Sohn will da UNBEDINGT mal hin. Ich finde es auch sehr beeindruckend!

    Gefällt 1 Person

  6. Werde demnächst da hingehen, zu Photo&Adventure. Hab da beim Fotowettbewerb zwei Ehrenkarten gewonnen. Und ich wollte sowieso immer schon mal dahin. Vielleicht sehen wir uns da mal in analog 😊.
    Super schöner und liebevoller Artikel!
    LG Johannes

    Gefällt 1 Person

  7. Schöne Geschichte. Ich finde es interessant, sich mal bewußt zu machen, woher man kommt.
    Und dein „Vadda“ hat Humor, wie es scheint .. 🙂

    Gefällt 1 Person

  8. Ach, watt schön:-)) LG Corinna

    Gefällt 1 Person

  9. Das ist ja ein Ausflug in meine alte Heimat, ich komme aus Duisburg-Meiderich. Meine Eltern
    und die ganze Familienblase hat lange in Hamborn gewohnt. So hatte ich immer wieder einen Grund in den Landschaftspark zu fahren. Nur mittlerweile sind alle verstorben oder ausgewandert. So ab und wann zieht mich mein Heimweh und die Neugier aber trotzdem immer wieder zurück. Die Fotos sind toll geworden, natürlich bei Superwetter.
    Herzliche Grüsse, 😇😇😄😄

    Gefällt 1 Person

  10. Sehr schöner Beitrag und tolle Fotos! Ich komme vom Niederrhein, da betont man ja immer gerne, dass der nicht zum Pott gehört, habe aber in Duisburg studiert. Ich liebe den Landschaftspark Duisburg-Nord und war auch schon häufig dort. Ich habe auch mal einen Fotokurs dort gemacht, bei dem einige schöne Fotos entstanden sind – leider war das noch vor dem digitalen Zeitalter. Und leider habe ich mir bei dem Fotokurs die Nase gebrochen, aber das ist eine andere Geschichte……

    Gefällt 1 Person

  11. Pingback: Photo + Adventure – das Foto-Messe-Spektakel im Pott | Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

  12. Schon beeindruckend die Anlage…wir in Dortmund haben sowas nicht geschafft, bzw. die Chinesen waren schneller und haben das Stahlwerk gekauft, abgebaut und nach China verschifft…angeblich haben sie es dort wiederaufgebaut…wie ist mir ein einziges Rätsel, schaffe schon kein LegoStarWars Raumschiff zusammenzubauen 🙂 Ich bin auch mal im Landschaftspark gewesen, fotografisch fand ich das eher schwer, vielleicht weil man schon soviele Bilder kennt und die Anlage durch die schiere Grösse beeindruckt. Toll finde ich immer wie die Natur sich das alles zurückholt…ich muss dann immer an diese riesige Tempelanlage in Kambodscha denken und finde den Fotovergleich mit unseren alten Industrieanlagen interessant. Und als ich im Februar da war , fast allein, war die Stille inmitten all der rostenden Technik beeindruckend !
    Lieber Gruss in die Heimat, von Jürgen

    Gefällt 1 Person

    • Ay Jürgen, ich freue mich von dir zu hören. Jap, das olle Stahlwerk ist riesig und wenn man bedenkt, dass die Chinesen so eine Anlage Schraube für Schraube abgebaut und tausende von Kilometern weiter wieder aufgebaut haben und nun dort Stahl produzieren, der eventuell das Aus für Thyssen Krupp in Duisburg-Bruckhausen bedeutet. Ist das echt komisch. Was Dortmund-Hörde nicht schaffte… Nagut… Dafür haben die jetzt einen schönen See.
      Den Vergleich mit Tempelanlagen in Kambodscha finde ich klasse. Für Fotografen ist es wirklich ein Paradies, wenn man seine Fototasche nicht ausversehen vergessen hat 🙂 Grün, Technik, Rost in Hülle und Fülle. Fast schon zu viel, man weiß nicht wo man beginnen soll.
      Und ja, die Ruhe ist sagenhaft. Mit ein Grund, warum ich mich so gerne dort aufhalte.
      Liebe Grüße aus´m Pott, Peter

      Gefällt 1 Person

  13. Hat dies auf Traumlounge rebloggt und kommentierte:
    Warum ich den „Pott“ so liebe? Wegen seiner Menschen, zum Beispiel. Sie sind einfach ehrlicher und direkter, nicht so verlogen und hintenrum.
    Das liegt vielleicht am Bergbau, ganz sicher. Wo jeder auf den anderen angewiesen ist, ihm vertrauen muss, entwickelt ein Gespür. Und das merkt man auch diesem Blog an! Guckt einfach mal rein und lasst euch verzaubern. 🙂

    Gefällt 1 Person

  14. Gleich an deinem Header habe ich erkannt, dass der wohl aus diesem (oder einem anderen?) Park da stammt. Irgendwo gab es unendlich viele und fast unendlich schöne Graffittis.

    Gefällt 1 Person

  15. Als Luzie damals sagte: „Wir fahren heute in den LaPaDu“ habe ich zuerst blöde geguckt, war dann aber hellauf begeistert.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Clara,
      im Hinteren Teil des Parks gibt es mehrere große Steinmauern auf denen sich Graffiti Künstler verewigt haben. Ganz tolle Kunst! Und der ganze Park hat schon was. Um ehrlich zu sein. Schon ganz schon schön.
      Herzliche Grüße, Peter

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s