Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Ist dieses Feuer eine ewige Flamme?

12 Kommentare

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Ich habe Lust etwas zu erzählen. Weiß aber nicht so genau wohin mich das nun führen wird. Mache mir gerade aber keinen Kopf darüber. Nur etwas aus der Vergangenheit soll´s sein, die scheint mir gerade weit aus interessanter zu sein, als das hier und jetzt.

Gott, ist das ein erschreckender Zustand. Ich persönlich hatte bis vor einer geraumer Zeit nichts, aber absolut gar nichts, gegen öffentliche Verkehrsmittel. Aus einem mir noch nicht ganz klarem Grund, fange ich an das Reisen mit dem Personennahverkehr in einem anderen Licht zu betrachten. Mag wohl daran liegen, dass ich nun nicht um 9.00 Uhr in die Bahn steige sondern zwei Stunden früher, wenn sich also Halb-Duisburg in die rollenden, holpernden Sardinendosen zwängt, in die man es ebenfalls nur mit einem Öl- oder Vaseline-Überzug schafft um irgendwie in diese Blechkutschen zu flutschen. Und sollte man es doch noch so eben fertig gebracht haben einen Fuß in die Tür hinein zu bekommen, wünsche ich mir schlagartig in Indien zu leben. Wo man oben auf´m Dach der Tram mitreisen darf, denn dieses scheint mir in diesem Moment bei weitem bequemer und stressfreier zu sein. Es ist überhaupt erschreckend, welch ein zivilisatorischen Rückschritt an den Gleisen stattfindet, und das sollte nicht unerwähnt bleiben: Generationsübergreifend. Das dusselige Genöle, die Jugend sei so schlecht erzogen liegt nur daran, dass diese sich mit genauso viel Nachdruck in die Bahn drängelt wie ihre, vom Alter her, vermeintlichen Eltern, die bei dem Versuch den 16-jährigen zur Seite zu schubsen häufig kläglich scheitern. Da signalisiere ich einer Dame, etwas jünger wie ich, Bürooutfit, Aktentäschchen, sie könne vorgehen, da starrte sie mich an, als ob ich ihr gerade an ihren winzigen Busen gefasst hätte, da sie es entweder nicht gewohnt ist vorgelassen zu werden oder sie dachte ich wollte tatsächlich noch viel mehr. Ich belasse es einfach mal dabei, also mit dem Anreisethema nach Kölle. Zwei Stunden hin, zwei zurück, von Haustür zu Haustür sind qualvoll genug und das ganze stehend, da ich nicht das geringste Verlangen verspüre mich wie ein „Haindoof“ um einen Sitzplatz zu kloppen, als gäbe es am Ende des Reise vom Bundesbahnpräsidenten höchst persönlich eine Urkunde überreicht, die man sich dann ans Knie nageln kann. Dafür bin ich leider nicht Manns genug.

So gleite ich lieber ab in eine ganz weit zurückliegende Zeit, in der ich noch fest davon überzeugt war, eine glänzende Zukunft läge noch vor mir.

Darum lege ich, für mich eigentlich recht untypisch, also musikalisch, „Eternal Flame“ von den Bangles auf und denke, an das winzig kleine, spanische Fischerdörfchen Llancá kurz hinter der französischen Grenze, an den schmucklosen Campingplatz, muss so Anfang der 1990er gewesen sein, und, unweigerlich, an das kleine, traurige Mädchen.

Falls mir meine Erinnerung keinen Streich spielt, hatte sie lange, blonde Haare, war so knapp vor Mitte zwanzig Jahre und Studentin aus Dortmund.

Nur ein paar wenige Meter entfernt schlug sie ihr Zelt nehmen mir auf. Saß davor und starrte mit feuchten Augen über den recht schlichten, trostlosen Platz und hörte aus einem silberfarbenen Grundig Kassettenrekorder Bangles.

Für mich war der kleine, unscheinbare Campingplatz recht häufig meine erste Anlaufstelle auf meinen Reisen von Duisburg Richtung sonstwohin. Blieb immer eine Nacht und dann ging es weiter. Diesmal nicht. Diesmal blieb ich zwei Nächte. Es lag wohl an diesen, ihren furchtbar traurigen Augen. Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht mehr. Die Erinnerungen an das „Warum“ sind verblast, geblieben sind nur die Gedanken an die paar Tage. Auch sind die gesamten Wochen der Tour aus meinem Gedächtnis verschwunden, geradezu ausgelöscht. Geblieben ist nur sie, „Eternal Flame“ und diese wortkargen Tage.

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Ich weiß noch, es war unglaublich heiß, die Sonne brannte auf den staubigen, kahlen Platz. Ich saß auf meinem Motorradhelm vor meinem Zelt, kochte Kaffee mit einem dieser kleinen, blauen Bunsenbrenner und beobachtete sie. Wie sie vor ihrem Zelt hockte und sich immer wieder dieses eine Lied anhörte. War es zu Ende, drückte sie die Stopptaste des Rekorders um sofort das Band zurückzuspulen. Sie musste es schon so häufig gemacht haben, denn sie wusste zielsicher wie lange sie spulen musste um wieder zum Anfang von „Eternal Flame“ zu gelangen. So betrachte ich sie, rauchte meine Camel, trank den Kaffee und hörte zum vierten oder fünften Mal diesem Song. Mir kam es nicht in den Sinn, sie darum zu bitten das Band einfach mal weiterlaufen zu lassen, denn selbst ich, mit meinen recht bescheidenen und überschaubaren empathischen Möglichkeiten, konnte mir ausmalen, dass das jetzt nicht angebracht war. So schaute ich ihr zu, bot ihr einen Kaffee an und erst jetzt stellt ich fest, dass sie mich überhaupt registrierte, schlechthin wahrnahm. Einiges später, keine Ahnung wann, sprach sie. Ich vermute, ich hatte etwas, was sie nicht mehr besaß: Rot-Wein. Zwar war er immer noch unglaublich warm, da er in den Packtaschen meine Motorrades so richtig auf Temperatur kam, aber für sie genau richtig. So erzählte sie mir von ihrem gewaltigen Kummer. Die Liebe ihres ganzen Lebens hatte sie vor ein paar Tagen verlassen. Sie mit ihren Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen zurückgelassen. Ganz allein. Ist dieses Feuer eine ewige Flamme? Für ihn nicht mehr. So setzte sie sich überstürzt in einen Zug und landete hier. In diesem Fischerdorf. Ungeplant, unbewusst, ungewollt. Aber weit weg. Kein Freund, kein Dortmund, kein… überhaupt. Nur Gedanken.

Aus einem mir immer noch nicht klaren Grund bot ich an zu bleiben. Sie nickte, verschwand in ihr Zelt und hörte ohne Unterlass dieses eine Lied, was aus dem Zelt den ganzen Platz beschallte. Es brannte sich bis heute in mein Gehirn. Ungewollt.

So fuhren wir durch das Dorf, schauten uns den überschaubaren Hafen an, saßen auf der Kaimauer, beobachteten die geschäftigen Fischer wie sie ihre Netze flickten und sprachen kein Wort. Fuhren an einen menschenleeren Strand und ich sah ihr dabei zu, wie sie nackt im Mittelmeer ihre kleinen, schwimmenden Kreise drehte. Sie sich wortlos neben mir auf meiner Lederjacke nieder und von der Sonne trocknen ließ. Sah heimlich auf ihre Brüste, betrachtete ihren weichen, zarten Übergang von Hals in ihren Nacken und fragte mich, warum ist die Flamme bei ihm erloschen?

Am nächsten Tag fuhr ich sie zum Bahnhof, schaute ihr zu wie sie ohne Gewissheit in den Zug stieg und wieder zurückfuhr. Ich frage mich manchmal, was wohl aus ihr geworden ist?

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Noch heute liebe ich „Eternal Flame“.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

12 Kommentare zu “Ist dieses Feuer eine ewige Flamme?

  1. Tolle Geschichte die ein eigentlich ganz normales Lied zu etwas immer Besonderem macht…auf nach Dortmund ( sollte ich als EX-Dortmunder die Dame kennen ?…Aber meine liefen alle schwarz gekleidet herum und hörten in der angesagten Dorfdiso namens LiveStation Musik von …suicide commando …die klang so wird der Bandname sich anhört…)
    Lieber Gruss, Jürgen

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    • Danke!! Ich hoffe mal nicht, dass wir nun gemeinsam die Dame kennen, wäre irritierend. Meine Freundinnen, damals, trugen ebenfalls nur schwarz. Erst viel später erkannte ich, dass es Mädchen auch in Farbe gibt.
      Liebe Grüße aus´m Pott

      Gefällt 2 Personen

  2. …im Roman wäre es die Bürodame aus der Tram gewesen, die sich irgendwann während der Fahrt erinnert und anfängt, das Lied zu summen… und dann schaut sie sich suchend um. Und dann finden zwei Seelen erneut einen Weg aufeinander zu. Und dann – entgleist die Tram und alle Sardinen zappeln noch kurz, bevor sie in einer Öllache in alle Himmelsrichtungen zerschellen… Willkommen auf dem Ponyhof 😉

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    • wow, dass wäre mal ein passender Schluss gewesen für meine Geschichte. HaHa! Gott, bist du gemein. Mag ich. Nur blöd ist. ich wäre einer der Sardinen gewesen.
      Liebe Grüße

      Gefällt 3 Personen

      • Sind wir doch alle – jedoch: nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

        Gefällt 1 Person

        • Da fällt mir noch was ein: ich war dereinst vor Äonen selbst in so einer Sardinenbüchse unterwegs. Froh, einen Stehplatz ergattert zu haben, schüttete es doch draußen, was der Himmel hergab. Ich schaue so durch den Gang, immer knapp an den Sardinen vorbei, da traf mein Blick einen anderen und es blitzte und schlug ein mit einem wohligen Schauer. Jedoch, es wurden der Sardinen immer mehr und meine Haltestelle kam und ich und der Bus verschwanden auf getrennten Wegen.
          Aber! Einige Tage später entdeckte ich zufällig (!) in einer Zeitung folgende Anzeige: ein Bus im Regen, zwei Augen … mir verschlug es Sprache, Atem und Buchstaben und ich las nur noch das Ende – nächste Woche gleicher Ort? Tja und was soll ich sagen – jetzt ham wir 20 Kinder und ein Haus am See… … … – nee, das hat Herr Fox, ich bin nicht hin, weil irgendwas war und wer weiß, was mir da entgangen ist… Aber das ist das Leben und wenn man es so recht beliest, ist es ganz schön unspektakulär.

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          • Für mich eine sehr, sehr schöne Geschichte!! Wärst du hingegangen… Hättest nun 20 Kinder, eine komplette Fußballmannschaft plus Reservebank. Und hätte ich…, nun vielleicht auch 20 Kinder. Wir Beide hätten uns bei einem Kinder-Fußballturnier kennen gelernt, hätten nun gemeinsam noch mal 20 Kinder. Lebten jetzt alle in einem freistehenden Hochhaus in Buenos Aires, nix geht über argentinische Fußballkunst, und würden abends eng umschlungen Tango tanzen, bei 20 Flaschen Rotwein dem Sonnenuntergang zusehen und die nächste Mannschaft planen.
            Ich denke mir allerdings, es ist gut für dich, dass es so nicht gekommen ist.
            Liebe Grüße

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        • Ich lasse mich gerne treiben

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  3. Wurde durch deine Geschichte neugierig, neugierig auf das Lied….
    Manchmal wenn ich den einen oder anderen Menschen sehe, so im Urlaub oder weiter weg von Zuhause, dann frage ich mich ob ich sie wiedersehen werde. Schon komisch. Man erinnert sich an jemanden und ihn/ sie zu finden ist unmöglich, jedenfalls fast.
    Tolle Geschichte, schönes Erlebnis
    Schönes Wochenende Rudi

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