Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Niederrhein, Kevelaer – Emotionen pur, denen ich mich nicht entziehen kann

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Kevelaer. Für mich der interessanteste Ort. Klar haben wir da Xanten mit den tollen, ollen Römerstätten, von wo aus sie 9 n. Chr. in die berühmte Varus Schlacht marschierten. Dem Nachbau des alten, für 10.000 Römer fassenden, Amphitheaters, welches an Ort und Stelle mal stand. Wo einst Löwen und Gladiatoren vom Publikum gefeiert, feierte ich ein paar Jahrhunderte später, bewaffnet mit Picknickdecke, billigen Lambrusco und geschmierten Stullen, die dort stattfinden Oper open-air Aufführungen und trällerte lauthals und schief zu den Klängen von Aida oder was sonst so gerade auf´m Programm stand mit. Oder Kamp-Lintfort, deren Kloster- und Gartenanlage einen umhaut. Man an seinem eigenen, grünen Daumen zweifelt und versteht, warum es auch liebevoll „Klein Sanssouci“ am Niederrhein genannt wird. Nicht zu vergessen, Rheinberg, das hübsche kleine Städtchen unweit von Duisburg, welches uns sein ohne-Worte-schmeckendes Magenbitter-Gebräu…, -Getränk, Underberg, geschenkt hat. Für die ich mal arbeiten durfte und ich mich sofort zu einer Verköstigung verleiteten ließ, man mich erst mit Underberg-Bonbons vollstopfte um mich dann haufenweise mit dem bitteren Inhalt der kleinen, in braunem Papier verpackten Fläschchen abzufüllen, so dass ich mit dem Taxi nach Hause fahren musste. Gott, war mir übel. Schlug mir so was von auf den Magen.

 

Kevelaer ist anders. Vollkommen anders. Hübsch? Definitiv. Klein? 30.000 Menschen. Besucher? Über eine Millionen pro Jahr. Über eine Millionen Pilger machen es zu einen der bedeutendsten Wallfahrtorte Europas. Es wird mit Lourdes in einem Atemzug genannt, so dass sogar der Papst 1987 nicht umhin kam einen Besuch abzustatten.

Kevelaer3Kevelaer

Dabei hat alles so unscheinbar und doch grausig angefangen. Am 1. August 1635 plünderten berittene Kroaten, unter der Führung ihres Feldherren Piccolomini, die kleine Gemeinde und töteten alles, was ihnen vor die gewetzten Schwerter kam. Zum Gedenken an diesen blutigen Tag stellten die Überlebenden ein Kreuz auf – das Kroatenkreuz. Dieses befindet sich heute etwas versteckt auf der Kroatenstraße.

An dem Ort der Gräueltaten will der Kaufmann Hendrik Busman Weihnachten 1641 zum ersten Mal eine Stimme vernommen haben, die ihn aufforderte „enn Kapelliken“ zu errichten. Von dieser Stimme noch ganz berauscht und betört, besprach sich der fahrende Händler mit seiner Frau, die, na klar was sonst, gleich in der Nacht eine Erscheinung von einem Heiligenhäuschen mit einem Bild der Mutter Gottes hatte. Stark beeindruckt machten sich die beiden frisch ans Werk, besorgten ein Bild, ein postkartengroßes, bedrucktes Pergamentblatt mit einer luxemburgischen Madonna Figur, und am 1. Juni 1642 wurde dieses von dem Pastor aus Kevelaer in das Backstein-Heiligenhäuschen an der Stelle der ersten Stimmwahrnehmung eingesetzt und geweiht. Um 1654 baute man dort eine größere Kapelle – die Gnadenkapelle, ein sechsseitiger Kuppelbau. Das Bild wurde dort, jetzt reich verziert und geschmückt, weiter aufbewahrt. Unter der kleinen Lectica, eine Art Sänfte, befindet sich eine Gedenktafel für den Kaufmann samt Gattin. Erst 1888 wurde die Kapelle von Friedrich Stummel mit religiösen Motiven ausgemalt.

Gnadenkapelle2Kerzenkapelle

Ihr gegenüber errichtete man bereits 1645 die Kerzenkapelle unter der Leitung des Baumeisters Hendrick van Assen und 1864 folgte dann die Marienbasilika, eine neugotische Kreuzkirche. Und jede Ecke und jeder Winkel wurde mit Stationen des Lebens von Jesus Christus ausgemalt. Dreimal darf man raten von wem? Klar von Stummel. Ihre Orgel ist obendrein eine der größten in Deutschland. Nun pilgern die Gläubigen nach Kevelaer und erhoffen und erbeten Genesung, Gesundheit oder wenigstens den Weltfrieden.

Kevelaer BasilikaMarienbasilikaMarienbasilika2Kirche

Ich werde den Teufel tun darüber zu spotteln oder falsch Zeugnis ablegen. Bin gläubiger Atheist oder ungläubiger Christ. Ich gebe zu, mich zieht die Atmosphäre in den Bann. Mich beeindrucken weniger die Pracht der Bauwerke, sondern vielmehr der unerschütterliche Glaube und die Zuversicht an einer höheren „Ordnung“.

Die Ruhe, der Frieden, die Gemeinschaft, die Hoffnung, dass das Leben auf Erden nicht alles ist, der Wunsch, dass einer einen größeren Plan hat oder einem wenigstens den richtigen Weg weist, dass all das Leid, welches einem widerfahren ist, am Ende einen Sinn ergibt. All diese Emotionen, dieses Innenleben der Suchenden spürt man gerade in der Sakramentskapelle mit der Jesus „Erlöserikone“, wenn die Gläubigen aus allen Ländern vereint, ganz in sich gekehrt, still und bettend, hoffen.

Kerzen

Noch weit aus stärker empfand ich all diese Hingabe der anderen in Lourdes, das ich während meiner Motorrad-Reisen zwei oder drei Mal aufsuchte. Besonders nach der Sahara Tour, die ich so unvorstellbar, jugendlich leichtsinnig anging. Hier, in dieser kleinen, französischen Gemeinde am Fuß der Pyrenäen, potenzieren sich noch einmal all die Emotionen um ein vielfaches. Hier fällt es schwer zu Glauben, die müssen sich alle irren. Sie müssen einfach falsch liegen. Hier warten Menschen aus allen Himmelsrichtungen geduldig Stund um Stund um in die kleine Erscheinungs-Grotte zu gelangen und Maria ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Auch ich habe mich einmal drei Stunden angestellt um die, von den vielen Händen glatt geschliffenen, polierten, Felsen zu betrachten. Am 11. Februar 1858 erschien, angeblich, dort der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous die Mutter Gottes. Und heute pilgern über sechs Millionen Gläubige jährlich zu dieser Stätte und hoffen, dass das Heilwasser aus den Felsen sie auch von ihrer körperlichen Pein befreit.

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Emotionen pur, denen ich mich nicht entziehen kann.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

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