Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Ritual

15 Kommentare

ich

Weihnachten. Ich weiß nicht wie andere Weihnachten feiern oder gefeiert haben. Bei mir zu Hause, damals, als ich noch ein kleiner Knabe war, bestand Weihnachten aus einem unerschütterlichen, feststehenden, wiederkehrenden Ritual, als wäre das Ganze in Stein gemeißelt. Und das war gut so! Nö!! Das war blöd. Jetzt mal ehrlich. Das war Mist. Da ist man nun ein kleiner, süßer, unschuldiger Bub, Heiligabend, und dann muss man den ganzen, verdammten Tag warten bis es endlich das Geschenk gibt. Ich bin bekloppt geworden vor Aufregung.

Vorfreude ist die schönste Freude? So was lächerliches lassen sich nur Erwachsene einfallen. Da muss man auch noch Tage vorher zum Friseur. Die Dame mit Schere und Kamm in den Händen: „Und, freust´e dich schon?“ Ich? Ich starb tausend Tode vor Neugier. Boah, noch drei Tage. Dachte nur: Oh Gott, lieber, lieber Gott – lass es der Bagger sein. Der Bagger. So einer wie bei Horten im Schaufenster. Dann ist endlich der 24ste und dann soll man baden. Wieso? Der liebe Mann da oben hat mich schon weit aus dreckiger erlebt. Danach gab es meist noch ne Knifte auf´e Hand, das musste reichen, soll sich ja nicht schon vorher den Appetit auf Kartoffelsalat und Brühwurst verderben. Als ob ich auch nur ein Bissen runter gekriegt hätte vor lauter Aufregung. Irgendwann schickte man meine Schwester und mich ins Kinderzimmer, dann hieß es erneut warten. Warten auf das helle Klingeln des kleinen, goldfarbenen Glöckchens. Erst dann durften wir an diesem Tag die „Gute Stube“ betreten. Da stand er, der Weihnachtsbaum mit all seinen bunten Kugeln, seinem silbernen Lametta, auf seiner Spitze thronte Urgroßmutters Engelchen und mit haufenweise Kerzen, die still flackerten und den Raum erst mit ihrem warmen Licht den feierlichen, besinnlichen Moment bescherten. Mir stockte stets der Atem, Äuglein weit aufgerissen, Freude, Glück, wohliges Gefühl, Liebe und bunt, in glänzendem Papier, verpacktes Geschenk.

Weihnachten

Und heute? Heute bin ich nicht mehr klein und schon gar nicht mehr süß, auch bin ich nicht nervös oder aufgeregt, da es schon eine halbe Ewigkeit kein Geschenk mehr gibt.

Heute folge ich meinem eigenen, kleinen Ritual. Ich bin nun kein gottesfürchtiger Mensch, glaube nicht so direkt an ihn, aber ganz sicher bin ich mir nun auch nicht, wäre irgendwie schade, wenn es nun doch alles nur Aberglaube wäre. So lebt man von der Hoffnung.

Vor vielen Jahren las ich an der Tür einer Kirchengemeinde einen Aushang. Krippenspiel am 24.12. um 15.30 Uhr. Das wäre doch mal etwas, so zur Einstimmung für das abendliche Fest. Machte mich chic, setzte mich in die letzte Reihe und war gespannt auf das Kommende. Kinder um die zehn Lenze oder jünger, verkleidet als Maria, Josef, die drei Heiligen Könige marschierten auf und unter den Worten des Pfarrers spielten die Mädchen die Geburt Christi nach. Er fand wohl keine Buben. So standen lauter Mädels teils mit langen Bärten und Gewändern dort oben neben dem Altar. Sie liefen die kleine Bühne auf und ab, trugen das Puppen-Jesus-Kind stolz und andächtig auf´m Arm durch die Gänge der kleinen Kirche. Sprachen schüchtern, leise ein paar Worte. Verhaspelten sich, setzten neu an. Josef ging den falschen Gang entlang, stand nicht vor den drei Heiligen sondern vor Mutter, die mit leichter Geste sie wieder auf den rechten Pfad führte. Am Ende tobten Mütter und Väter, ein nicht enden wollender Applaus. Mir wurde warm ums Herz, und mir wurde klar: Ich komme wieder. So gehe ich jedes Jahr mit einer kurzen Unterbrechung immer wieder dorthin. Danach eine andere Kirche, höre mir die Predigt an, lausche dem Orgelkonzert und dann gibt’s Kartoffelsalat mit Brühwürstchen.

Ich habe für mich mein ganz eigenes, persönliches Ritual für diesen Tag gefunden. Ich wünsche allen, dass sie ihr eigenes haben, ob für sich, zu zweit, zu dritt oder auch mehr. Und, es muss kein perfekter Tag werden.

Frohe Weihnachten!

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

15 Kommentare zu “Ritual

  1. Bei uns zu Hause in den 50 und 60 Jahren waren auch solche Rituale, die jedes Jahr immer wieder gleich abliefen. Ich fand das ziemlich beengend und habe es bei meinen Kindern nicht
    fortgesetzt. Wir waren z.B. über Weihnachten häufig Ski laufen, dann haben wir auch Weihnachten gefeiert, aber anders. So haben die Kinder es gelernt, dass es auch andere Weihnachten geben kann.
    Herzliche Grüsse vom schreibteufelblog

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  2. genau, es muss kein perfekter Tag werden 🙂 Fröhliche Weihnachten und liebe Grüße, Annette

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  3. Hallo! Vielen Dank! Dir auch ein besinnliches Weihnachten und einen guten Rutsch.

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  4. Ja, genau. Es muss kein perfekter Tag sein. Dann braucht auch niemand extra traurig sein. An diesem Tag. Herzlich! Ein Hoch auf die kleinen, feinen und persönlichen Rituale!

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  5. Es berührt mich, diese Fotos zu sehen. Es ist Deine Familie, Deine Weihnachten, aber die Bilder sind so zeittypisch, dass sie für jede Familie im Ruhrgebiet aus der Zeitspanne stehen können. Auch der Weihnachtstagablauf, die Spannung, das Glöckchen, die echten Kerzen am Baum und der Engel an der Spitze. Auch die im Vergleich zu heute Bescheidenheit der Geschenke unter dem Baum. Man hatte ja noch nicht so viel.
    Danke, rejekblog, für diesen Ausflug in die Weihnachtsvergangenheit, und Dir ein wunderschönes Fest!

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  6. Schöne alter Bilder aus einer vergangenen Zeit! Damals wäre ich wohl verdammt neidisch auf den attraktiven Hocker für die ansehnliche Blattpflanze gewesen!

    Entspannendes Restweihnachten noch!

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  7. Ob beabsichtigt oder nicht: Du bringst mit dem Beitrag ein Stück Besinnlichkeit rüber!

    Bei uns war es diesmal das erste Weihnachten ohne unsere Mütter. Und damit ohne Weihnachten.

    Ich hoffe, Du hattest schöne Feiertage und hast Dein Ritual aufrecht erhalten. Ein schönes Ritual übrigens!

    Gefällt 1 Person

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