Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

So stand es inne Zeitung

8 Kommentare

Halde Hühnerheide 3 Foto Maik

Halden! Was wäre das Ruhrgebiet ohne seine Halden? – Eine überaus durchgängige, platte Landschaft. Man könnte von Duisburg ins 80 Kilometer entfernte Dortmund lugen, wenn da einem nicht die Erdkrümmung im Wege stehen würde. Und bevor ich weiter über Halden schwadroniere, schwafel, schwätze, wollte ich doch noch kurz das Folgende einschieben, über das ich heute ein ganz klein wenig lächeln kann. Vor unendlichen Jahren, zu einer Zeit, als man das Internet oder die kabellose Telefoniererei außer Haus noch nicht kannte. Zu einer EC-Karten-Freien-Zeit, wo Freitags die Banken um 12.00 Uhr schlossen und man zusehen musste wie man an Bares kommt, sonst war nix mit Bier, Kneipe sowie ausgelassener Lebensfreude. Also, genau zu jener Zeit, bat man mich doch mal etwas darüber zu erzählen, warum der Pott so ne platte Landschaft hat. Klar, es lag an den Eiszeiten, die über uns huschten. Die letzte geländeplättende Kälteperiode war so um 100.000 v. Chr. und gab der Gegend den letzten Schliff. Die sogenannte Weichsel-Eiszeit-Periode. Ein Zeitabschnitt in dieser Periode nannte man auch Pommern-Phase. Und ich hirnrissiger Vollpfosten schrieb die ganze Zeit: Pommes-Phase. Und der ganze Kappes landete am Ende schwarz auf weiß inne Zeitung. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich mich erst wieder nach der nächsten Eiszeit im Ruhrgebiet blicken lassen könnte, aber es kommt immer wieder anders als man denkt. Und so durfte ich bleiben.

Schluss mit den Jugendsünden, war nicht der letzte Bock den ich geschossen hab. Also Halden. Der Ruhrpott ist voll von Halden. Klar, es wurde ja auch reichlich unter Tage gegraben, gebuddelt und gefördert. Und all das Gestein, das man nicht benötigte, schüttete man direkt neben den Bergwerken auf. Es entstanden allerorts kleine Berge, die von weitem sichtbar und obendrein, wenn man sie besteigt, einen unglaublichen Ausblick auf das „Ruhrgebiet-Tal“ erlaubt. Da das Schuften inne Tiefe auf Zeche Ende 2018 endgültig eingestellt wird und es zu keinen weiteren Aufschüttungen mehr kommt, kam, wie auch immer, begrünte man viele der Giganten und pflanzte in der Regel ein Kunstobjekt auf deren schwindelerregend hohen Gipfeln, die zu Touristenmagneten mutierten. Ich meine, die höchste Halde wäre die Halde Oberscholven in Gelsenkirchen mit ca. 137 Meter, gefolgt von Halde Haniel (128 Meter) zwischen Oberhausen und Bottrop, Halde Hoheward (102 Meter) in Herten und Großes Holz in Bergkamen mit schlappen 84 Metern. Über diese Halden wurde reichlich geschrieben, erzählt und sie wurden mannigfaltig abgelichtet. Drum soll´s hier damit auch gewesen sein.

Turtels Duisburg

Skulptur Tiger & Turtle, Duisburg

Mein ganz persönliche Lieblingshalde ist und wird immer bleiben: Halde Hühnerheide oder auch Karnickelberg genannt in Oberhausen. Zu ihr habe ich einen persönlichen Bezug. Sie ist meine Halde. Mein Schatz. Zu ihrer Entstehung habe ich maßgeblich beigetragen. Nagut, ein paar andre auch. Muss ich halt unnötigerweise erwähnen.

Sie ist nämlich keine Bergbauhalde sondern eine ehemalige Müllhalde, die, so glaube ich, 1968 das Licht der Welt erblickte. Unter ihrer heutigen, begrünten Oberfläche befindet sich kein Abraumschutt, sondern Haushalts- und Gewerbemüll. Zu jener wunderbaren, herrlichen Zeit, als meine Eltern noch stolze Besitzer einer Diskothek, zweier Kneipen und 10 Fritten-Buden waren, fuhren wir unseren Dreck nach Oberhausen und halfen so dem Berg auf die Sprünge, sich stetig weiter zu entwickeln, zu wachsen, zu dem zu werde was er heute ist: Eine 35 Meter hohe, alles überragende, Oberhausener Schönheit. Ja, ein bisschen Stolz und Zufriedenheit schwingt mit. Noch Generationen von Pottlern werden davor stehen und sich sagen, das lag nur an der überwältigenden Fast-Food-Kultur unserer fleißig fressenden Ahnen, die dieses prächtige Bauwerk so gedeihen und entstehen ließen. Man kann den harten, aufopferungsvollen Kampf an den vollen Pommesschalen nicht hoch genug würdigen. Der Ruhrgebietler is(s)t halt ein Malocher, ein unermüdlicher Streiter an der „Currywurst-Pommes-Schranke-Front“ und so produzierte er bei uns reichlich Müll. Was im Laden stets zu unkontrollierten, spontanen Gefühlsausbrüchen führte.

pommesbude1Um diesen Dreck vom Fleck wech zubekommen, legte sich mein Vadda einen Ford Transit zu. Wir fuhren täglich den Mist aus den Buden ab. Und wenn der Wagen randvoll war, ab auf Kippe. Mudda: Was machst du heute?“ „Muss auf Kippe.“ Da war allen klar, eine Reise ins entfernte Oberhausen stand an. Es wurden die Gummistiefel und die unerlässliche Fichten-Nadelduft-Spray Pulle eingepackt und es ging ab. Vor dem Berg noch schnell mit dem Wagen auf die Waage. Gesamtgewicht minus Transitleergewicht ergab einen Haufen zu berappender Gebühren. Dann durfte man den glitschigen, schmierigen, serpentinenartigen Weg raufschlindern. Oben auf´m Plateau wies ein armer Tropf einen ein, wo man seinen Schrott abladen durfte. Da stand man knöcheltief in dem modrigen Driss und leerte das Auto. Überall rollten riesige Bagger, verteilten den frischen Müll und fuhren ihn platt wie ne Flunder. Ich dachte immer: Das ideale, mörderische Versteck für unsere, dörfliche Ruhrpott Casa Nostra. Sah überall blutige, aufgerissene, teils knochige Hände aus der klebrigen, breiigen Brühe sich herausstrecken und nach mir greifen. Nach mir schnappen, mich in die Tiefe ziehen wollend. Gierig. Bloß schnell die Karre entleeren und nix wie weg. Gott, was habe ich alles für diese heutige Landmarke auf mich genommen. Bloß zügig den Berg runter schlittern, aber nun auch nicht zu heftig, sonst kriegst´e die nächste Kurve nicht, schießt über´s Ziel hinaus und landest noch Kopfüber in die olle, muffige Pampe. Ich kam mir vor wie der Walter Röhrl des Ruhrpotts.

Heute streckt sich das Monument dem Himmel, dem Horizont entgegen. Wir radeln mit dem Rad hoch, falls wir genug Mauen in den Knochen haben und bewundern den Fernblick. Ich versuch´s mal feinsinnig und kultiviert zu formulieren: Unsere Halden sind die Geilsten.

Halde Hühnerheide Foto Maik

Blick von Halde Hühnerheide Foto: Maik

Und vielleicht – nein, ich weiß es – wird man eines Tages diesen Zeitabschnitt auch Pommes-Phase nennen und ich gehe als rothaariger Nostradamus des Potts in die Geschichtsbücher ein, denn so stand es einst kryptisch inne Zeitung.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

8 Kommentare zu “So stand es inne Zeitung

  1. Das mit der Halde kommt mir bekannt vor, in 4711 Seppenrade kippten sie den Müll einfach den Berg runter und der wuchs und wuchs und als dann um 1980 offene Müllkippen nicht mehr so angesagt waren kam eine Lage Muttererde drauf. Heute gedeihen im Rosengarten 350 Arten Rosen und einmal jedes Jahr im August stürmt das Ruhrgebiet die Müllhalde…oh Pardon, den Rosengarten , um sich beim Rosenfest daran zu begeistern…die Rosen wachsen gut…war wohl nicht so schlecht der Müll aus Datteln, Waltrop und Umgebung 🙂
    Liebe Grüsse von Jürgen

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    • Vielen Dank für den Tipp. Fahr ich mal hin. War schon lange nicht mehr bei Curry Heini in Waltrop, Dortmunder Straße – beste Frittenbude weit und breit. Vielleicht lag es auch an seinem Müll, dass es heute blüt und grünt. Danke! 4711 find ich gut!
      Liebe Grüße aus´m Pott

      Gefällt 1 Person

      • 4711 fanden die auch Klasse (habe dort 4 Jahre gelebt, Abizeit) Aber der Deutsche ist ja missgünstig…und so geschah folgendes : das kleine 4711 Seppenrade auf seinem Müllplatzberg schaute grinsend runter auf das grössere 4710 Lüdinghausen…die Touristen wollten immer nur wissen wie es wohl in 4711 aussah…die Rache folgte prompt : 4711 wurde in 4710 eingemeindet und hiess fortan 4710 Lüdinghausen 2…. ist das nicht eine wahre Horrorgeschichte über Missgunst und monsterländischer Bauernschlaue 🙂
        Lieber Gruss, Jürgen

        Gefällt 1 Person

  2. Ich kann mich daran erinnern, wie ich vor Jahren einmal mit Freunden den “ Tetraeder“ in Bottrop bestiegen habe. Das war ein schöner Ausflug, anlässlich eines Geburtstages die “ Tour de Ruhr“ mit
    Freunden auf dem Fahrrad zu machen. Vielleicht besuche ich auch einmal die anderen Halden.
    Sind schon sehenswert.
    Das Ruhrgebiet hat einiges zu bieten.
    Herzlichen Grüsse

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    • Ay, danke dir! Würde ich auf jeden Fall machen. Besonders Halde Hohenward mit der Drachenbrücke und Halde Haniel sind sehr sehenswert. Vielleicht noch die kleine Halde in Waltrop, aber nur um bei Curry Heini auf der Dortmunder Straße einzukehren und lecker Currywurst essen. Der Inhaber ist sein Geld wert, ein echtes Original.
      Liebe Grüße

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  3. Klasse Beitrag!
    Sonne Hühnerhalde gibts auch in Recklinghausen, „Mont de Klamotte“ genannt, in der Nähevom Ruhrfestspielhaus.

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