Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Ärzte Rundreise

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CT Bilder

Seit ein paar Jahren muss ich alle drei Monate meinen Gesundheitszustand überprüfen lassen. Halbjährlich erfolgt eine große Untersuchung mit allem Pipapo. Onkologe, Urologe, Neurologe Lungenspezialist, Gefäßarzt, Radiologie, da wird von Gedärm bis Brustkorb alles durchleuchtet. Nun sind solche Untersuchungen so spannend und aufregend wie ein Ziegelstein, wobei ich fest davon überzeugt bin, dass es bestimmt ein paar ältere Herrschaften gibt, die anhand von Farbe, Geruch und Geschmack genaustens bestimmen können aus welcher Ziegelei dieser eine Stein stammt und vor Jahren bei „Wetten dass“ mit ihrem Hobby Furore gemacht hätten. Nun zu den Herren gehöre ich nicht, ich habe kein Hobby. Außer: Ärzte. Ich habe nichts gegen Ärzte, ganz im Gegenteil. Ich bin ihnen dankbar, denn ohne den medizinischen Fortschritt, hätte ich schon vor ein paar Jahren in Gras gebissen, da hätte mir auch keine fernöstliche Tinktur aus der Bredouille geholfen. Ich empfinde es als „Geschenkte-Zeit“. Damit das so bleibt, gehe ich halt zu all den weißbekittelten Damen und Herren und lass mich auf´n Kopf stellen. Die Aufgaben sind klar verteilt, die Doktoren untersuchen und ich warte, ansonsten folge ich Anweisungen. Ich sag ja: Aufregend. Aufgeregt bin ich schon, ungemein, ungemein sehr sogar. Finde ich es nervig? Nein. Unangenehm? Manchmal, streckenweise schon.

Jetzt, im November und Dezember findet turnusmäßig wieder eine große Untersuchung statt. Mach mich auf die Socken zu allen Akteuren um die Termine in einer halbwegs vernünftigen Reihenfolge abzuklären. Meist im Vorfeld einer Besprechung schon mal Blut abnehmen lassen, der eine hätte gerne drei Röhrchen, der andere etwas gieriger wünscht sich fünf, randvolle Gläschen. Dann zum Hausarzt, Überweisungen ordern.

Gut, der Neurologe tanzt aus der Reihe. Er gehört eigentlich nicht zum harten Kern der Vertrauten. Nach der dritten Krebserkrankung musste ich zu ihm. Mich in eine MRT Röhre legen um meine Nervenbahnen checken zulassen. Da der Krebs immer wieder streute, und mich zum wiederholten Male heimsuchte, wollten die Herrschaften endgültig Tabula rasa machen und verordneten mir gleich eine riesige Portion heilende und unheilende Chemie. Man legte mir, muss so Dezember 2015 gewesen sein, einen Halskatheder an, also ein großes Durchlassventil in die Hals-Schlagader, weil man so einen Haufen Flüssigkeit in mich hineinpumpen konnte, denn dies hätte die Armvene nicht ertragen, vertragen und schlimmstenfalls entzweien können. Drei Beutel mit alles angreifender, chemischer Flüssigkeit, locker fünf Liter Wasser sowie zwei Flaschen mit einem Mittel mit dem ich über den Tag irgendwie kommen sollte, flossen nun täglich in mich. Was weit über eine normale Behandlung lag. Nach vielen Wochen und zehn Kilo weniger Gewicht überprüfte man meine Nervenbahnen. War aber alles so weit in Ordnung. Sie haben überlebt. Jetzt ging ich nur so zum Neurologen, wollte wissen ob Nachwirkungen auftreten könnten. Nö meinte er, aber wenn ich schon mal da bin, könnte man meine Gehirnströme messen. Also verkabelte eine junge Dame meinen Schädel und nach ein paar Übungen hatte man ein Ergebnis. Die Nadel verzeichnete einen ganz leichten Ausschlag, etwas floss da oben, nicht viel, aber immerhin, leichte Gehirntätigkeit. Reicht zum Leben, Grundfunktionen sind gedeckt.

Die Sache mit der Diabetes Typ II habe ich allerdings nicht verstanden, wenn ich ganz ehrlich bin. Sie stellte man während meiner ersten Erkrankung im Krankenhaus fest. Im Januar 2014. Am dortigen Essen konnte es nun wirklich nicht gelegen haben, nicht dass es schlecht gewesen wäre… um Gottes Willen, nein, denn einer der Vorteile ein „Todgeweihter“ zu sein liegt in der eindeutig besseren Verpflegung. Was natürlich den Unmut meiner Zimmerkollegen nach sich zog, da diese, ich sag mal recht platt, dort mit einfacheren Wehwehchen lagen und sich mit dem Standart-Küchen-Rezepturen begnügen mussten und das zum klassischen Futterneid führte. Halt menschlich; das was er hat, will ich auch. Das Ende vom Lied war, dass ich letztendlich das gute Essen aufgab. Hatte was bessere zu tun, als mir das ständige Genöle der Herren anzuhören. Aber zurück zum eigentlichen Thema. Meine Zuckerblutwerte waren ordentlich erhöht und musste medikamentös behandelt werden. Nach der Klinik musste ich zu einer Diabetes Spezialistin und mich in so eine Art Langzeit-Programm einschreiben. Obendrein an einem 14 stündigen Kurs „Richtig essen und die Pfunde purzeln“ teilnehmen. Aber da waren meine Werte bereits in den Normalbereich gesunken. Über die Sinnhaftigkeit solcher Kurse lässt sich vortrefflich Streiten. In dem Kurs waren wir zu 15 Männekes, wobei mit mir nur zwei Männekes, denn der Rest waren Damen, die allesamt in „Sonderstühlen“ Platz nahmen. Dessen zulässiges Gesamtgewicht und Breite unterlagen nicht der normalen Norm. Die Dame neben mir erklärte, dass sie heute das fünfte Mal an dem Kurs teilnehme und sie immer wieder etwas Neues lernt. Angesehen hat man es ihr nicht. Nun, ich spreche nur über diesen Kurs, denn andere kenne ich nicht, nicht dass wir uns hier missverstehen, aber hier ging es fast nur um die Frage: Wie viel Insulin bei einem Stück Sachertorte? Jetzt muss ich alle sechs Monate zur Kontrolluntersuchung. Blutzucker messen, auf die Waage, schlechthin wird bei mir Höhe, Länge, Breite durch gemessen und entweder für gut oder schlecht empfunden. 80 Kilogramm auf stolze 182 Zentimeter verteilt. Laut Ärztin schlappe vier Kilos zu viel. Neue Aufgabe: Bis Juni diese abzuspecken. Langzeitwerte im Normalbereich. Keine Medikamente. Ich, persönlich glaube, vermute, dass mir in der Zeit der Erkrankung meine Psyche, die wahrlich schwer angeknackst war, sich körperlich bemerkbar machte und alles irgendwie durcheinander wirbelte. Nur ne Vermutung, denn danach sind diese Werte nie mehr gestiegen.

Weiter geht es zum Radiologen, CT. Allerlei Mittel im Vorfeld, damit ich nachher auf den Bildern, passend zur Jahreszeit, auch leuchte wie ein buntes Weihnachtsbäumchen. Hoffte, dass die Damen und Herren sehen, dass sie nichts sehen. Nun kommt irgendwie, für mich, einer der unangenehmen Momente. Ich bin nun mal nicht mehr der jüngste Knabe und muss mich ständig vor blutjungen Damen ausziehen. Ich armer Kerl. So steht man nun in Unterhose und Socken herum, wahrlich ein schauriger Anblick. Darum achte ich penibelst Eitel darauf, dass meine mir wenigen, verbliebenen Bekleidungsstücke recht respektabel sitzen und nach was aussehen. Deshalb habe ich extra für diese Anlässe eigenst Unterwäsche und Socken erworben. Wenn schon, denn schon. In Schönheit sterben, heißt die Devise. Ich gebe zu, ziemlich hirnrissig, aber wer möchte schon vor einer jungen, hübschen Maid in abgetragen, verwaschenen Socken stehen? Schon gar nicht mit diesen meinen Beinen. Nicht alles, in solch einer Situation, entspringt einer gewissen Logik. Bin mal gespannt, was mir einfällt, wenn ich mich demnächst in meine Midlife Crisis stürze. Porsche, „Camp David“- Kapuzen-Shirt, ist klar, das habe ich schon innerlich mit mir ausgehandelt. Aber dann?

Oh Gott, weg mit den Gedanken, lieber zurück zur CT. Da liegt man, angestöpselt an der Kontrastmittelpulle, und das riesige Teil fährt über einem hinweg, folgt den Anweisungen der jungen Frauenstimme. Sie. Leise. Fast hauchend, aber bestimmend: „Tief einatmen. Luft anhalten. (Pause) Ausatmen. Langsam weiteratmen.“

Gerne folgt man den Aufforderungen, so wie man der Stimme seines Navigationsgeräts folgt. Unweigerlich fragt man sich: Ob CT-Ansagerin ein Ausbildungsberuf ist? Sitzt irgendwo eine Legion von Professoren und nimmt einem eine mündliche Prüfung ab? Und haucht eine niedliche Studentin die berühmten Worte in ein Mikro? Oder bespielt der Hersteller seine CT-Geräte? Haben die eine junge Dame, die in tausend Sprachen „Ausatmen“ sagen kann? Und lernt sie gerade klingonisch? Man will ja schließlich unternehmerisch expandieren. Mit all diesen Fragen vertreibe ich mir die Zeit in der summenden Röhre.

Nachbesprechung. Ärztin: „Sie haben vier gebrochene Rippen gehabt. Drei linke Seite, eine rechts.“ Zwei von der OP, da der Arzt mit seinen klobigen Händen in meinem Brustkorb greifen musste um die Hälfte meiner linken Lunge raus zufummlen. Die andere Rippe durch eine jugendliche Schlägerei und die rechte hielt einem Motorradunfall nicht stand. Aber sonst war nicht zu sehen. Nichts im Gedärm, Lymphknoten oder Lunge. Durchatmen. Ganz kräftig ausatmen.

Tage später den Gefäßmensch beglücken. Bekam eine Lungenembolie. Wochen nach der letzten OP. Durfte mir fast ein Jahr zweimal täglich blutverdünnende Spritzen in den Wamps setzen. Gefäße sind jetzt klar, alles fließt ungehindert fröhlich herum und sorgt für meine ewig bleibend fröhliche Grundstimmung. Keine Medikamente mehr. „Wir sehen uns in einem Jahr wieder“, waren seine letzten Worte. „Tausend Dank!“, meine.

Mit den neuerworbenen Bildern zum Lungenarzt. Wie gehabt. Ab in eine kleine, gläserne Kabine. Lungenübungen. Maske vor Mund und Nase und den strengen Befehlen des jungen Fräuleins hinter dem Mikrophon folgen. Einatmen, ausatmen, stoßweise schnell Atmen, ganz kräftig Ausatmen bis keine Spur von Luft mehr in den Lungen ist und anhalten. Schwester fragend: „Ist Ihnen schwindelig?“ Ich, den Kopf schüttelnd. Wahrheitsgemäß. Mir war nicht schwindelig, mir wurde schwarz vor Augen. „Wann darf ich endlich wieder einatmen?“ dachte ich nur. „Das machen Sie gut!“ meinte sie. Ich, blau angelaufen: „Tja, Helden in Action.“ Nach den Wiederbelebungsmaßnahmen kam die Nachbesprechung. Ärztin: „ Für einen Mann ihres Alters und der ganzen Vorgeschichte, sieht es gut aus.“ Danke, Freude stieg immer weiter, aber die Sache mit dem Alter hätte sie sich echt schenken können.

Gestern folgte der Urologe. Nur Besprechung der CT-Bilder. Zufriedenheit sah ich in seinem Gesicht. Ruhe im Karton für die nächsten drei Monate. Danke. Nächste Woche Donnerstag der Onkologe, da wird es aufgrund meiner schicken, neuen, inneren Fotos auch alles klar gehen.

Im März hab ich zwei Jahre rum, nach Chemo. Rein Statistisch ist man nach fünf Jahren clean, dann ist das Krebsrisiko auf Null gesunken. Vereinfacht erklärt.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

17 Kommentare zu “Ärzte Rundreise

  1. Drücke beide Daumen !
    Einen schönen zweiten Advent wünscht Jürgen

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    • Danke! Eigentlich bin ich davon überzeugt, dass es diesmal klappen wird. Nach meinen Behandlungen schossen die Aktienkurse von Bayer dermaßen in die Höhe, da ich den Verkauf derer Produkte so angekurbelt habe, dass kann nur helfen. Nun, ganz ehrlich: Ich glaube diesmal ganz fest daran.
      Liebe Grüße aus´m Pott

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  2. Ich schließe mich an und drücke wahllos sämtliche Daumen in der Umgebung. Grüße in den Pott.

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    • Haha! Ich stelle mir gerade vor wie Sie durch Berlin laufen und wahllos fremde Daumen drücken. „Entschuldigen Sie, darf ich mal drücken, kenn da ein Typen, der braucht das.“ Finde ich lustig die Vorstellung. Danke, für das Bild im Kopf. Lieb von Ihnen.
      Übrigens, ich heiße Peter.
      Grüße aus´m Dorf

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  3. Like kann man da ja wohl nicht klicken 😥
    Alles Gute für die nächsten 3 Jahre damit sich das dann auf Null gesenkt hat.

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  4. Daumen drück👍👍👍das es besser wird.

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  5. Da kann ich mich nur den Daumendrückern anschliessen und alles Gute wünschen.
    Herzliche Grüsse aus Leichlingen !

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  6. Irgendwie rausche ich hier ständig aus der Kommentarfunktion raus.
    Was ich sagen wollte: Wünsche Dir, dass es so weitergeht und Deine Alle-Monate-Wieder-Vorstellungen bei den Ärzten dann in 36 Monaten nicht mehr nötig sein werden!

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  7. Möchte mich allen gute Wünschen anschließen und drücke fets die Daumen..
    LG, Petra

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  8. Hallo Peter,
    Ich bin gerade dabei deine Texte zu lesen, reichlich viel aber ich kämpfe mich durch smile.
    Vielleicht hätte ich nicht mit den neuesten anfangen sollen. Jedenfalls drücke ich dir meine Daumen 👍👍wegen all diesen Untersuchungen.
    Sicher bekommst du unzählige Tipps, als „unheilbar Kranker“, leider, hätte ich da einen weiteren. Kann ich dich anders erreichen? Falls Interesse.
    Liebe Grüße

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    • Ay! Ich danke dir!! Leider kann ich dir jetzt erst antworten, da mich eine Erkältung umgehauen hat. Schön von dir zu hören. Tipps habe ich reichlich, danke! Bitte nicht böse sein, das ist keine kalte Schulter zeigen.
      Liebe Grüße, Peter

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      • Hi,
        Jau, hatte gelesen, das du flach liegst. Aber schon Mal gut, das es dir besser geht. Hoffe ich jedenfalls. Das mit den „Tipps“, das kenne ich. 😂 Habe deshalb Verständnis. Falls aber mal Interesse an „alle docs unter einem Dach“, und die sind echt gut, hast, dann … du weißt schon.
        (Keine Uniklinik)
        Hatte auch die Idee hier etwas zu hinterlassen, bei WordPress aber ich weiß nicht…..
        Jetzt erstmal liebe Grüße in den Pott und gut pflegen.
        Rudi

        P.s.:Wie ist der Auftrag verlaufen… da war die Rede von Bericht „Moschee“.

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