Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Hellblau

2 Kommentare

Ich bin ein Typ. Ein ganz seltener sogar. Jetzt mag der ein oder andere denken: „Ja klar! Der schon wieder. Immer was besonders sein.“ Das ist nun mal so. Vor 30 Jahren trat eine Dame, mittleren Alters, an mich und wollte mich haben, weil so Typen so unvorstellbar selten sind. So einen wie mich trifft man nicht so. Sie wollte mich gleich vom Fleck weg mitnehmen. Zu sich und mich obendrein noch einer Reihe von anderen Damen vorstellen, die sich ausschließlich nur mit mir beschäftigen würden. Hand anlegen würden. Über Stunden. Und der Gedanke gefiel mir. Ich war noch keine 23 Jahre und brauchte das Geld.

Aber ich konnte nicht mitgehen. Auf jeden Fall nicht sofort. Ich wollte sie warten lassen. Mich den vielen, weiblichen, warmen, zarten Händen entziehen. Die Spannung steigern. Ins Unermessliche.

Ich war nicht aufgeregt, ich kannte es nicht anders als vom weiblichen Geschlecht umgeben zu sein. Ich kann, ohne zu übertreiben, behaupten der schönste Knabe weit und breit gewesen zu sein. Was allerdings nur für die Kassen in der Krefelder Metro galt. Ich war der einzige Junge, der an den Registrierkassen des Großmarktes stand. Da fällt es nicht schwer, „der Schönste“ zu sein. Insbesondere auf den Weihnachtfeiern. Allein unter 40 Frauen.

Aber sie wollte mich. Es war an einem Samstag im Sommer. Sie sprach mich an, an meiner Kasse, ob ich Lust hätte, ob ich am Nachmittag Zeit hätte. Für sie und die anderen Damen. Und ich sagte zu.

Ich war damals so groß wie heute, wog etwas weniger und hatte halblanges, hellrotes Haar gepaart mit einem blassen Teint und reichlich Sommersprossen um meiner Nase. Einfach nur selten. Ein einzigartiges Gesicht.  So fuhr ich am Nachmittag in die Krefelder Innenstadt und besuchte die Damen.

Eine Schminkschule. Dort lernten die Mädchen wie man aus einem Gesicht das Gesicht macht. Ich. Haare, Haut, Sommersprossen – der sommerliche Typ. Das neue Sommer-Gesicht-Model der Schule. Der mit dem unwiderstehlichen Porzellanteint.

Und nun versuchten sie etwas aus mir, aus meinem zu, machen. Da standen die angehenden Visagistinnen mit Pinsel, Puder, Pinzette und starrten mich verzweifelt an. Ein Junge, weil man kein Mädchen mit dem fahlen Teint fand. Ihm galt es nun mit Kajal, Rouge, Primer die hängenden Schlupflider, Tränensäcke, Pickel weg, und mit Lippenstift ein Lächeln ins Gesicht, zu zaubern. Man wollte meine Persönlichkeit unterstreichen, hervorheben, herausarbeiten. Es wurde gezupft, gerupft, gedrückt. Es wurde aufgetragen, abgetragen. Sie verzagen.

Kirschrot, Weinrot, Hellrot. Auf Tücher „beißen“. Nur nicht die Damen reizen. Bekam auch so rote Lippen vom ewigen Abscheuern, Abrubbeln, Abraspeln. Meine Augenlider wurden Gelb, Grün und am Ende doch nur Blau.

Cat Eyes, Camouflage, Concealer waren nun die Wörter, die ganz natürlich in meinem Sprachschatz übergingen, dass selbst meine ältere Schwester staunte und meine Mutter sich fragte, wo mich der ungewöhnliche Weg hinführen würde. Doch keine Enkelkinder? Hatte schließlich gerade erst die erste Ehe in den Sand gesetzt. Kamen bei mir doch Zweifel auf?

Das ganze Spiel ging von vorne los. Neue Gruppe, neues Glück. Sechs Monate trudelte ich dort ein, bis mir die Dame erklärte: Es macht keinen Sinn. Die Mädchen können und wollen keinen Burschen schminken. Das ging einfach nicht. Meine Karriere war beendet. So abrupt wie sie begann. Paris, Madrid, New-York – Ade. Geblieben ist Krefeld, Großmarktkasse und die Erkenntnis: Hellblau ist meine Farbe. Hellblaue Hemden wurden mein Markenzeichen, da ich so sommerlich bin und die Farbe meinen Typ unterstreicht. Und, man muss nicht alles mitmachen, aber dann hat man nichts zu erzählen.

 

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

2 Kommentare zu “Hellblau

  1. Schade, so ein schönes Model !
    Herzliche Grüsse

    Gefällt 1 Person

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