Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Gott sei Dank!

10 Kommentare

Gott sei Dank ist die Bundestagswahl vorbei und es kehrt endlich wieder Ruhe ein. War doch am Ende dem ganzen Vorwahlgeplänkel und -gequatsche überdrüssig geworden. Mich persönlich interessierte nur: Wie bekomme ich den Wahlsonntag geregelt über die Bühne geschaukelt? War wieder Wahlhelferlein mit „+“, halt mit mehr Verantwortung.

Nun ist so eine Bundestagswahl zwar ein staatstragender Akt, aber im Wahllokal unterscheidet er sich von der Handhabe nicht Groß von anderen Wahlen. Nur unser kleines Dorf im Pott hat sich an diesem Tag etwas besonderes ausgedacht. Neben dem König von Deutschland, durften die Duisburger Bürger noch ihren Oberbürgermeister wählen und obendrauf gab es noch eine dritte Wahl, eine Bürgerabstimmung über ein neues, riesiges Einkaufszentrum (DOC – Design Outlet Center) auf dem Loveparade Gelände nähe dem Hauptbahnhof. Diese beidem Themen bestimmten die letzten Tage Duisburgs Straßen. Da beim DOC die Fragestellung, aus rein juristischen Gründen so gewählt, halt etwas Absurd anmutete. War man dafür, musste man mit „Nein“ abstimmen und umgekehrt. Wat zur Verwirrung führte.

Da wir also drei Wahlen hatten und an der „Großen“ nur Menschen mit einem Deutschen Pass und an den beiden „Duisburger“ alle EU Bürger teilnehmen durften, kamen bei mir etliche organisatorische Fragen auf. Das 84-seitige Papier, das mir die Stadt zusandte mit Regeln, Verordnungen und allerlei anderem Gedöns, beantwortete meine Fragen nicht im geringsten. Gut, es gibt drei Wahlbenachrichtigungen, drei Stimmzettel, drei Urnen, dreimalalles. Zwei Wählerlisten, eine für Bund sowie eine für OB/DOC, nach Straßennamen, sortiert. So marschierte ich Samstag noch zur Schulung, die mir auch nicht weiterhalf. Wie gehe ich mit den EU Bürgern um?

Um es zu erklären: Ich wohne in Duisburg-Hochfeld, fast genau gegenüber dem Wahllokal. Drei Minuten zu Fuß, auf der äußerst belebten Hauptstraße. Kenne die Gegend und die Menschen sehr gut. In dem Wahlbezirk dürfen ca. 490 Leute den Bundestag/OB/DOC wählen und zusätzlich ca. 1.200 EU-Bürger den Oberbürgermeister sowie das Center. Mindestens genauso viele Nicht-Europäer leben hier noch, so kommen wir hier locker über 80 Prozent nicht „Deutsche-Pass-Besitzer“. Was ja nun nicht das Thema ist, außer: Ich falle als großer, dünner Rotschopf auf. Endlich mal.

Mein Thema war: Wie gehe ich nun mit den 1.200 Leuten um, was schätzt das Wahlamt, wie viele würden wohl kommen? Denn einen Ansturm von nur 20 Prozent würden wir Helferlein nicht packen. Ich weiß halt, dass kaum einer unserer Ost-Europäer, und die machen nun mal ca. 90 Prozent der EU-Bürger aus, kein Wort Deutsch sprechen, geschweige lesen können. Auf all meine Fragen gab es keine Antwort, nur eine Telefonnummer, die ich am Wahltag anrufen könnte, um dann doch nur in einer Warteschleife zu verhungern.

Als am Mittag die ersten bulgarischen und rumänischen Neu-Bürger kamen, kamen bei mir all die Fragen auf. Fast alle hatten ihre Wahlbenachrichtigung nicht dabei nur ihren Ausweis, bei dem ich nicht mal wusste, wo vorne oder hinten ist. Dazu waren sie sehr wissbegierig: Warum dürfen sie nicht Bund wählen, was ist das DOC, wie viele Kreuze, wohin und überhaupt? Und das Ganze in einer Sprache, mit der wir wenig anzufangen wussten. Wir freuten uns zwar durch die Bank diebisch, dass so viele kamen um ihr Wahlrecht wahrzunehmen, waren zugleich überfordert.

Nun ist wohl die rumänisch/bulgarische Sprache phonetisch artverwandt mit der Türkischen. So besorgte ich mir für ein paar Euro einen türkischen, jungen Mann von der Straße, der sich als Dolmetscher bereit erklärte zu helfen. Nach einer kleinen Schulung, was er sagen und nicht sagen darf. Meine absolute Hochachtung für ihn. Riss er sich mit einer Engelsgeduld den „Arsch“ auf um alle Fragen zu beantworten. Streckenweise standen bis zu zehn Leute um ihn. Einige glaubten sogar, es gelte bei uns Wahlpflicht und ihnen würden Gelder gekürzt. Alle redeten durcheinander. Brachten ihre Kinder mit. Familienausflug. Es war laut, ein Gewusel, ein kreuz und quer. Ein Mal musste ich laut werden. Ich hasse es zu brüllen.

Und alleine in eine Kabine? Mutter mit drei Kindern auf´m Arm? Was soll´s, als ob die Kinder Mutti beeinflussen würden. Hauptsache sie kommt wählen. Manche kamen mit den Stimmzetteln aus der Kabine, diskutierten noch mal in der guten Stube untereinander wie wild ihre Kreuze aus, dann ab damit in die Urnen. Egal. Hauptsache sie kommen, halt eine Art der Integration. Man musste es zurzeit noch lockerer sehen. Nur keine Panik machen. „Schlussletztendlich“ lief, für Hochfelder Verhältnisse, alles recht diszipliniert ab. Keine Streitigkeiten, kein Gezänke, keine miese Stimmung. Nicht einmal! So soll´s sein.

Um 22.00 Uhr hatten wir die drei Auszählungen und den Tag hinter uns gebracht. Gott sei´s gedankt. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll.

Am Ende blieb der alte OB der Neue und die Bürger wollen kein DOC.

Advertisements

Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

10 Kommentare zu “Gott sei Dank!

  1. Das war richtig interessant – und so herrlich bildhaft beschrieben – wie es in einem Wahllokal so zugeht. Ihr armen Duisburger wart wirklich arg gebeutelt mit der großen AUS-WAHL an Möglichkeiten.
    Dankeschön für diesen kurzweiligen Einblick!

    Gefällt 1 Person

  2. Meine Güte, was für ein Drama, habt ihr am Schluss dann wenigstens ein bißchen den Abend ausklingen lassen, nach vollbrachter Arbeit ? Das habt ihr Euch dann verdient.
    Herzliche Grüsse, schreibteufelblog

    Gefällt 1 Person

  3. Ein sehr schöner Bericht! Und auch wenn es anstrengend und durcheinander war – was für eine gelungene Integration!

    Gefällt 1 Person

  4. Wie wäre es, wenn Duisburg bei der EU-Kommission Wahlhilfe beantragen würde, für übersetzte Erklärungen des Wahlsystems und für Dolmetscher? Damit die EU-ler mal mitkriegen, was ihre Regelungen in der Praxis so alles bedeuten. Und damit Duisburg mehr finanzielle Unterstützung bekommt für diese Integrations-Mammut-Aufgabe!

    Gefällt 1 Person

    • Der alte und jetzt auch neue OB hat´s bei der neuen Landesregierung versucht. Doch die jetzige Regierung fand, dass sei eine reine Duisburger Angelegenheit. Keine finanzielle Beteiligung. Bund sah dies ebenfalls so und wollte sich auch nicht in der EU dafür stark machen, bzw. eine neue Gesetzgebung der „Einwanderung“ schaffen für EU Bürger. Nun, der kleine OB gegen Brüssel und Berlin? Ist halt: „OB allein zu Haus“.
      Grüße

      Gefällt mir

      • Tja, daran zeigt sich einmal mehr, das „WIR schaffen das!“ war eben schon immer ein „Nix mit zu tun! Guckt, wie IHR das halt schafft, egal wie…“
        Ab gesehen davon: Wer wählt, trägt auch die Verantwortung für seine abgegebene Stimme. Zumindest sollte er sich dessen bewußt sein. Wie soll das bei jemandem gehen, der erstens die deutsche Sprache nicht beherrscht, zweitens offensichtlich weder das politische System hier kennt noch versteht, drittens keine Ahnung hat, weshalb er überhaupt zu was mit der Wahlbenachrichtigung aufgefordert wird und viertens schon garnicht weiß, wer die Kandidaten sind, was sie wollen und was sie unterscheidet? Sind das die mündigen EU-Bürger, die wahlfähig sind? Sind das die Neu-Bürger, die die Verantwortung für diese Stadt mit tragen wollen und sollen?

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s