Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Postkarte

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Karte Duisburg Berlin1

Ich habe neulich einen Spielfilm gesehen. Es ging ums Alt werden. Alt nicht im Sinne von Oma, Opa oder Gelenkschmerz-Gels und auch nicht mit angegrautem Haar Händchen haltend über ne Krankenkassen-Blümchen-Wiese hüpfend. Unsere Hauptdarstellerin wurde 50. Die Protagonisten saßen in einer gemütlich, gehässigen Geburtstags-Runde beim Italiener. Unterhielten sich über die Vorzüge von Pasta, wie Gesund bleiben, Gedächtnistraining-Optimierung, Joga, falschen Brüsten, fast eingestelltem Sex und „die heutigen 50 Jährigen sind die gestrigen 40 Jährigen“ Quatsch. Und, dass man in dem Alter anfängt mehr über die Vergangenheit zu sinnieren als über das „Vor-einem-Liegende“. Nicht, dass das Gehörte nun eine neue, bahnbrechende Erkenntnis für mich wäre, denn es ist mir, bei mir, schon längere Zeit aufgefallen, dass ich meine Umgebung immer häufiger mit Vergangenem quäle. Und mich obendrein auch. Es mag wohl daran liegen, dass ich meinen Zenit überschritten habe. Mehr Jahre hinter als vor mir. Und viele reizvolle Dinge wie Reisen mit Motorrad und Zelt unmöglich erscheinen. Höchstens ich nehme zwei oder drei Ärzte der unterschiedlichsten Couleur sowie einen gescheiten Handwerker, der mich Abends aus´m Sattel hämmert und dann gerade bügelt, mit.

Motorrad_ZeltMotorrad1

 

Dieses Thema, das Jahreszahlen immer mehr nach hinten rücken, wurde mir gestern erst wieder bewusst, als ich in der Duisburger Innenstadt an einem kleinen Souvenir-Lädchen vorbeilief. Ich mich zuerst wunderte, dass diese Stadt so etwas hat und braucht und dann über mich und mein „Löchriges-Schweizer-Käse-Gehirn“.

Im Schaufenster sah ich eine recht schlichte Postkarte: „ Berlin kann jeder. Duisburg muss man wollen.“ Ich erst grinsen und mich dann fragte musste: „Kann von „Wollen“ überhaupt die Rede sein?“

Mir fiel auf: ich war erst dreimal in Berlin und das liegt schon weit weg. Gehirn-Windungen-überfordernd nachsinnen. 2011 zählt eigentlich nicht. Fuhr mit dem Wagen morgens hin und abends zurück. Saß nur im Olympiastadion und sah dem MSV Duisburg bei seiner schmerzlichen DFB-Final-Niederlage zu.

Zuvor war ich, und da musste ich weit zurückblicken, so um 1991/92 in Berlin, eigentlich nur in Ost-Berlin. Fünf Tage. Sie zog von Moers nach Berlin. Studieren. Sie lud mich ein. Kleine Wohnung, irgendwo im Osten der Stadt. Hohe Decken, langer Flur und ein noch viel längeres, schmales WC. Sie zeigte mir den „neu aufblühenden“ Teil der Metropole. Und schleppte mich in alle Alternativ Cafés, Kneipen und Bars, die in diesem Jahr das Licht der Welt erblickten. Viel ist von diesen Tagen in meinem Gedächtnis nicht hängen geblieben. Eigentlich nur, dass wir eine alte, leerstehende Villa aufsuchten, die, kurz vorher, mehrere Leute besetzten und in ein Café wandelten. Gutes Frühstück für kleines Geld und viel Euphorie. Neu Anfang – Aufbruch. Alles wird sich ändern. Alles wird anders. So erzählte mir der Besitzer, fest umschlungen von seiner Freundin, dass er die zweite Etage gerate neu streicht. Er träumte von Bad, Schlaf- und Kinderzimmer. Sie sahen ihre zukünftigen Kinder in dem Garten zwischen all den lachenden Gästen spielen. Er sprach vom Musizieren. In der gegenüberliegenden Villa eine Gruppe Musiker das Haus gerade in Beschlag nahmen. Bald Tonstudio. Endlich könnte man frei leben und frei gestalten. Ich war genauso jung wie mein überschwänglicher Freund und kurz steckte er mich mit all dieser wohltuenden Begeisterung an. Kurz. Dann sah ich das Ordnungsamt, Eigentümer, Räumung und überhaupt vor meinem geistigen Auge dahin stolpern. Ich frage mich gerade: Was ist heute von dieser Aufbruchstimmung noch übrig? Und wer wohnt nun in diesen Villen?

1977 war ich das erste Mal in Berlin. Mit Eltern, ich Kind. Die Erinnerungen sind vollkommen verblasst. Café Kranzler, Mauer, Fahrt mit Bus durch Ost-Berlin. fremde Welt. Ende der Gedanken. Außer ein Souvenir: Brandenburger Tor.

Mir fiel ein, dass ich aus jeder Stadt, die wir damals besuchten, etwas mitnahm. Meerjungfrau, Eiffelturm „Big Ben“, Athene und und und. Ich kramte im Keller nach der alten Kiste, die jeden Umzug in all den Jahren unbeschadet überstand, und fand das ganze Zeug. Auch das Tor.

40 Jahre inne Kiste. Ich fing mit meinem ganz persönlichen Gedächtnistraining an.

Karte Berlin Duisburg

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

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