Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Hochzeit

2 Kommentare

Wurde auf eine Hochzeit eingeladen. Ich wunderte mich. Die Einladung kam von der Braut, die ich schon fast 25 Jahre nicht mehr gesehen habe. So ganz genau stimmt es nicht. Ich bin ihr zwischenzeitlich rein zufällig auf einem Konzert begegnet. Wir tauschten Adressen aus, wie man das halt so macht und vergisst sich dann doch wieder. Und nun hatte ich eine Einladung. Hochzeit in einer richtigen Kirche. Ein festlicher Akt. Die Dame, ist so wie ich über 50, hat zwei halbwegs erwachsene Söhne und steckt nun in einem weißen Brautkleid. Halt ein Mädchen-Traum. „Der schönste Tag in ihrem Leben“. Soll groß gefeiert werden, soll wohl bombastisch und romantisch werden. Also lädt man „Hans und Kunz“ ein und hofft, es wird voll. Nur so konnte ich mir die Einladung erklären. Ich kämpfte mit mir. Nicht, dass ich solche Veranstaltungen nicht mag, das wäre nicht wahr.

Um ehrlich zu sein, für so eine Zeremonie habe ich nicht die passende Garderobe. Keinen Anzug. Was auch so wieder nicht stimmt. Ich habe zwei Anzüge, einen hellgrauen und einen dunkelgrauen. Aber beide sind in die Jahre gekommen. Kragen zu groß, Hosenschlag zu weit. Einfach nicht mehr auf dem neusten, modischen Stand. Einfach oll, wie ihr Besitzer. Habe noch einen Dritten in schwarz. Noch gar nicht so alt, recht modern. Gekauft für eine Beerdigung. Aber viel zu groß. Die Mutter meiner damaligen Freundin ist gestorben. Da wog ich mehr. Freundin wollte, dass wir zusammenziehen. Sie hatte eine andere Lebensplanung, ansonsten ginge es so nicht weiter. 100 Kilometer lagen zwischen uns. Andere Mütter haben auch „dicke“ Söhne. Mir war klar, wenn wir uns Tisch und Bett täglich teilen, wird sie über kurz oder lang so oder so sich einen anderen Sohn nehmen. Egal wie ich mich entscheide, am Ende habe ich das selbe Endergebnis. Ich blieb wo ich bin. Jetzt sind Freundin sowie überflüssige Pfunde weg und geblieben ist ein viel zu großer, schwarzer Anzug.

Aber der hilft mir gerade nur nicht weiter. Soll ich Kuchen essen um in den Anzug wieder rein zuwachsen? Einen Neuen kaufen? Nur für den Anlass? Geldverschwendung. Und überhaupt? Was soll ich da? Kenne niemanden. Und worüber soll ich mich mit den Gästen oder mit ihr unterhalten? „Weißte noch, damals…“ Wäre idiotisch..

Aber ich wollte dabei sein. Neugier.

Also doch der hellgraue Anzug. Ich sah erbärmlich ärmlich aus. Zwischen all den Männern meines Alters. Sie hatten durch die Bank neue Anzüge, sich rochen sogar noch neu. Da stand ich nun, Hose mit „Schifferschlag“, und einer fragte mich: „Schon den neuen Skoda Süperb gesehen?“ Und ich, von nichts ne Ahnung: „Ja. Macht seinem Namen alle Ehre.“ Später kamen noch Themen wie Kinder mit Handys, Kinder allgemein, Job, Hobby, Hausbau, private Altersvorsorge, Helene Fischer-Konzert und wie toll man mal vor 30 Jahren war auf´n Tisch. Ich beneidete die Herren, gut aussehend, gut verdienend, gut „artig“ mit ihren attraktiven Ehe-Frauen in festlichen Abendkleidern. Alles was ich nicht hab und bin.

Spät am Abend saß ich mit einer netten, aber stark angetrunkenen, wohl der Grund für das Gespräch, Dame in einem nicht ganz so feierlichen Outfit zusammen. Ihr Ehemann, so erzählt sie, heute nicht dabei, Ingenieur, nett, treu, zuverlässig, aber mittlerweile ohne Leidenschaft. Interessiert sich mehr für die Regenrinne ihres Reihenhauses und für Aktienkurse und Zinseszinsen als für ihre Bedürfnisse. Er spricht von Reisen in weiter, ferner Zukunft und von all den schönen, kommenden Dingen, wenn die Zeit reif ist. Aber nicht über das Hier und Jetzt. Kaum Zweisamkeit. Keine nächtlichen Spaziergänge oder einfach nur ein sinnloses Besäufnis. Es muss sich etwas ändern.

Dachte an eine Freundin vor der „Entweder-zusammen-oder-gar-nicht-Freundin“. Professorin, Medizin, aus Mainz. Hübsch, außerordentlich klug, ohne Geldsorgen, voller Erwartungen. Ihr Mann hatte mehrere Geliebte: Aktien-Fonds. Eine ähnliche Geschichte. Sie wollte Leben, etwas erleben. Ihr freier Wille kam zum Tragen. Frisch geschieden. Landete sie bei mir. Half ihr nur kurz weiter, wenn überhaupt. Sie ging und ich dachte damals an die Gruppe Fehlfarben und die Textzeile: „Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das will ich nicht“.

Ich sah in die traurigen Augen „meiner“ betrunkenen Neu-Bekannten und fragte mich, ob ich etwas sagen sollte? Was sagte noch mein Psycho-Freund: „Man muss nur die Konsequenz aus seinem freien Willen/Handeln ertragen können.“ Sie machte auf mich nicht den Eindruck als ob sie das könnte. So hörte ich nur zu.

Ich habe leider nicht die perfide Arroganz über Dinge zu reden, oder viel schlimmer noch Bücher zu schreiben, wie „Glück finden“, „Der Partner für´s Leben“, Lebensfreunde für Dummies“ oder „Was Männer wirklich wollen“, das würde eh nur ein Einzeiler werden: „Ich will das, was der Andere hat!“. Und überhaupt bin ich ein schlechter Ratgeber.

Ich hatte mal eine Freundin, dass hört sich jetzt an, als wäre ich für ein Casanova für Arme. Weit gefehlt. Sie ging gerne auf Wochenend-Seminare. Ein Wochenende im Schwarzwald, schickes Hotel, Vollpension und ein leidenschaftlicher „Guru“, der der Welt, für schlappe 995 Euro erklärte, wie man den noch vorhandenen Partner für ein glückliches Leben zurechtbiegt. Verbiegt bis er passt oder langweilig wird. Sie kam zurück. Rief mich an. Meine erste Erfahrung mit Seminaristinnen. Und sagte: „Wir müssen reden.“ Ich fuhr zu ihr. Sie wohnte auf´m Land. Kaufte unterwegs einen Flachmann und trank ihn noch an der Tanke. Dann erzählte sie mir 2 Minuten lang wie toll ich bin, um mir dann bis in die frühen Morgenstunden zu erklären, was ich noch alles an mir optimieren könnte für „ihre“ glückliche Beziehung. Sie tauschte mich später gegen einen Kröteneinsammler ein. Den ich, und das ist wirklich wahr, nur wenige Monate zuvor beinahe bei der Ausübung seines Hobbys auf der nächtlichen Landstraße, bei dem Versuch so eine Freilandkröte beim Überqueren der Straße zu hindern, über den Haufen gefahren hätte. Dieser Tausch kratzte wahnsinnig an meinem Ego.

Was sollte ich schon meiner Tischnachbarin erzählen? Dass sie viele Frösche küssen und genauso viele Kröten schlucken muss, bis vielleicht der eine kommt. Oder doch besser: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf´m Dach. Wer bin ich? Ratschläge zu geben.

Ich sah dem Brautpaar zu, ihrem Tanz, dem baldigen Ende der Feier und demheutigen“ Anfang ihrer Ehe. Und mir gegenüber sah ich eine Frau mit dem Gefühl am Anfang vom Ende ihrer Bindung zu stehen.

Ich war froh im Auto zu sitzen, mir keinen neuen Anzug gekauft und den Abend hinter mir gelassen zu haben. So schnell bekommt mich keiner mehr auf eine Hochzeit, wenn es nicht meine eigene ist.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

2 Kommentare zu “Hochzeit

  1. Gut, dass Du den Krötensammler nicht erwischt hast
    😉

    Gefällt 1 Person

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