Gedankenwirrwarr & Ruhrpott

Meine ganz eigene Welt

Duisburger Regattabahn und ein Eigenleben

Ein Kommentar

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Gestern war wirklich ein schöner Tag – Sonne satt, 10 Grad und nur ein laues Lüftchen. Fast schon Frühling und dass im Februar, aber halt nur fast. Meine Wetter-App klärte mich auf, dass es den ganzen und folgenden Tag so bleiben wird und soll. Und so eine App erzählt nicht nur von morgen oder übermorgen, sondern auch wie es mal war. So berichtete sie mir, dass die tiefste Temperatur um diese Jahreszeit in Duisburg -16 Grad im Jahre 1999 betrug. Ich fragte mich: „Wann war 1999, wie alt war ich und was habe ich da gemacht?“ Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Was habe ich bei -16 Grad gemacht?

Ich konnte mich nicht einmal mehr daran erinnern, wo ich zu dieser Zeit gewohnt habe. Bin ich so häufig umgezogen? Scheint so. Ich musste beim „Rückwärtszählen“ meine Finger zur Hilfe nehmen und fand dann doch letztendlich den Wohnort. Aber an diese Tiefst-Temperatur hatte ich nicht mehr den blassesten Schimmer. Was ich allerdings nicht besonders bedauerte und ich heilfroh darüber war, dass das Gehirn sehr häufig die unangenehmen Dinge des Lebens einfach löscht bzw. irgendwo in den tiefsten Ecken oder Winkel versteckt und dort sollte der ganze mistige Kram auch verborgen bleiben. 
Ich beobachtete, beim Zähne putzen am Küchenfenster, das Leben und Treiben auf meiner Straße und mir wurde klar, das Wetter musste ich ausnutzen. Ein Spaziergang. Aber wohin? Da fiel mir die Regattabahn ein. 

Keine Stunde später lief ich den langen, schnurgraden Weg der Ruderstrecke entlang. Und wieder dachte ich an früher. Heute war wohl ein Tag an dem ich in Erinnerungen schwelgen musste, obwohl ich es gar nicht wollte. Aber mein Gehirn führte sein Eigenleben und dem konnte ich mich nicht entziehen. So fiel mir zu meinem Leidwesen ein, dass ich noch vor ein paar Jahren, und diesmal reichten beim „Rückwärtszählen“ meine zehn Finger nicht aus, um diese Bahn joggen konnte. Eine Umrundung beträgt genau 5 Kilometer. Dies und die Tatsache, dass die gepflasterte Laufstrecke abends beleuchtet ist, macht sie zu dem Treffpunkt für alle Hobby- Läufer. Was mich am Anfang meiner eigenen Jogger-Karriere eher abschreckte, da ich nicht so gerne als stampfendes, keuchendes Walross von den elegant dahingleitenden Läufern belächelt und überholt werden wollte.

Nach vielen Übungseinheiten in den dunklen, blickdichten Duisburgern Wäldern, traute ich mich dann auch auf diesen Lauf-Weg und musste feststellen, dass meine damaligen Befürchtungen bei weitem unbegründet und übertrieben waren. Hier schnaufte und quälte sich vielmehr die halbe Duisburger-Jogger-Equipe rund um den „Pfad der Bewegung“, wie die Stadt ihn nannte. Wenn Bewegung angeblich Freude bereiten soll, so wird hier der Gegenbeweis geliefert. Denn wenn man in die schmerzverzerrten, rot angelaufen, leidenden Gesichter und leeren Augen blickt, fragt man sich unwillkürlich, wo da der Spaß bleibt.

Die Regattabahn sollte eigentlich eine Wettkampfstrecke für den Kanu- und Rudersport sein. Da aber so gut wie nie Wettkämpfe in diesen Sportarten stattfinden, kämpfen dort seit jeher laufende Freizeitsportler für weniger Pfunde und für mehr Gesundheit. So auch gestern. Und wieder tat mein Gehirn etwas, was ich nicht wollte oder sogar mochte. Es impfte mir ein schlechtes Gewissen ein. Ich sah all die Runner in ihren schicken, bunten, engen Sportoutfits und fragte mich, ob ich mich joggend überhaupt von Parkbank zu Parkbank retten könnte, die in 500 Meter Abständen aufgestellt wurden. Es kam etwas Neid in mir auf und ich rannte ein paar kurze Schritte. Bis ich plötzlich etwas pfeifen und pochen hörte und feststellte, dass es sich dabei einmal um meine verklebten Lungenflügel und des weiteren um mein altersschwaches Herz handelte, dass die unkontrollierten Geräusche ausstießen. Ich blieb keuchend stehen und gab dem falschen Schuhwerk die Schuld für das abrupte Ende meiner Sportlichkeit.

Ich nahm mir, für den Bruchteil einer Sekunde, sogar vor gesünder zu Leben und war heilfroh, dass so ein Gehirn die unangenehmen Dinge des Lebens schnell in verborgenen Schubladen ablegen kann, und das ganze Vorhaben schnell der Vergessenheit Preis gegeben wurde. Ohne weitere Schuldgefühle konnte ich den Gang um die Freizeitstätte fortsetzen. Jetzt soll man aber nicht meinen so ein Denkapparat gäbe mal Ruhe. Nee. Besonders dann nicht, wenn man alleine unterwegs ist.

Schon wieder entführte es mich ungefragt in die Vergangenheit. Urplötzlich hörte ich „Holding back the years“ von Simply Red, drehte mich um und fragte mich woher die Musik kommt. Doch es fand alles in meinem Kopf statt und diesmal erfreuten mich meine grauen Gehirnwindungen. Die können sogar gute Laune verbreiten.

In dem Ausflugslokal, am Ende oder am Anfang der Runde, je nach Sichtweise des Betrachters, bestellte ich mir einen Cappuccino und hielt mein winterlich, blasses Gesicht in die wärmende Sonne. In der vollkommen irrsinnigen Hoffnung morgen mit einer gesunden, frischen Gesichtsfarbe aufzuwachen. Was natürlich nicht passiert ist, aber dafür fragt mich mein Gehirn: „Was ich denn heute Vorhabe?“ Es hat nun einmal sein Eigenleben.

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Autor: rejekblog

Ich bin 1964 in Duisburg geboren und lebe fast die ganze Zeit im Ruhrpott. In meinem Blog möchte ich gerne etwas über den Ruhrpott erzählen und was hier so los ist. Und natürlich, was so in meinem Kopf los ist. Nicht viel, ich gebe es zu.

Ein Kommentar zu “Duisburger Regattabahn und ein Eigenleben

  1. Hallo,
    ich kann mich gut in dir einfühlen. Vor Jahren lief ich dort auch noch meine Runden. Heute hechle ich auch nur noch hinterher.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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